Im Landeanflug: Julian Steiner, Finisher von Red Bull Cerro Abajo.
© Bartosz Wolinski
Bike

Red Bull Cerro Abajo: Eine Stadt hebt ab

Enge Gassen, steile Treppen, arge Jumps: Das ist Red Bull Cerro Abajo, das härteste urbane Downhill-Rennen der Welt. Zu Gast bei einer eingeschworenen Community in Genua.
Von: Werner Jessner
6 min readPublished on
Genua, Hotel Ostello Bello, Via Balbi, 9.57 Uhr. Von den vier Massageliegen im Raum sind zwei von tätowierten, durchtrainierten Männern belegt. Am Tischfußballtisch daneben wird gerade Revanche gefordert. 7:3, das kann man so nicht stehen lassen! Gelächter überall, als ein Südamerikaner im ärmellosen Shirt andeutungsweise tanzt – zum Song „Sorry Scusa Lo Siento“ von Pinguini Tattici Nucleari, den einer der Männer auf dem Handy laut aufgedreht hat. Und doch liegt Spannung in der Luft.
Von links oben: Tuhoto-Ariki Pene, Alex Storr und Brook Macdonald in Genua.

Von links oben: Tuhoto-Ariki Pene, Alex Storr und Brook Macdonald in Genua.

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Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, hier bereite sich ein Team auf ein gemeinsames Match vor. Die Wahrheit: Die Sportler hier im Raum, die sich gemeinsam auf den Tag ein­grooven, sind die besten Urban Down­hiller der Welt. In wenigen Stunden werden sie Rivalen sein – beim Rennen von Red Bull Cerro Abajo.
„Cerro Abajo“ heißt „den Hügel runter“, ist also die spanische Übersetzung von „downhill“. Das bedeutet mit seinem Mountainbike bei bis zu 60 km/h zentimeterknapp an Mauern entlangzufahren. Sprünge, die 20 Meter weit gehen und mehr, mit einem Absprungwinkel von 88 Grad – also vertikal. In den überhöhten Kurven wirken solche Kräfte auf die ­Fahrer, dass sie sich nahezu waagrecht zum Boden befinden – auf einem Fahrrad wohl­gemerkt.
Nach wenigen Sekunden wartet der erste massive Jump auf Tuhoto-Ariki Pene.

Nach wenigen Sekunden wartet der erste massive Jump auf Tuhoto-Ariki Pene.

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Der historische Beginn von Red Bull Cerro Abajo datiert auf das Jahr 2003 in der chilenischen Stadt Valparaíso. ­Asphalt statt Erde, Mauern statt Bäume, Wasserrinnen statt Wurzeln, Fanmassen links und rechts: Die Idee war zu gut, um ein lokales Phänomen zu bleiben, darum fährt man seit 2024 auch in Genua. Am 6. September kommt mit Stuttgart das erste Rennen in einer deutschen Stadt dazu, zum Ende kürt man den Gesamt­sieger der Red Bull Cerro Abajo World Series.
Quotation
Ich war keine zehn, als ich am Streckenrand stand und wusste: Das will ich auch mal machen.
Felipe Agurto
Der Kurs in Genua, dieser wunder­schönen Hafenstadt am Mittelmeer, passt zu ihrem Beinamen: „La Superba“, die Herr­liche, die Stolze. Hoch oben im Viertel Righi geht es los, mit Blick über die Bucht und die historische Altstadt. ­Palazzo Rosso, Palazzo Bianco, die ganze Via Garibaldi zeugt von einer Historie, die Genua zum Monaco des 16. und 17. Jahrhunderts gemacht hat.
Adrien Loron, Roger Vieira und Gaetan Vigé (v. l.) checken die Lage.

Adrien Loron, Roger Vieira und Gaetan Vigé (v. l.) checken die Lage.

© Bartosz Wolinski

Der Vergleich von Red Bull Cerro Abajo in Genua zum Großen Preis von Monte Carlo in der Formel 1 ist nicht weit her­geholt, was die Herausforderungen an die Fahrer angeht. Bloß gibt es in diesem Fall kein Carbon-Chassis, keine Leitplanken, keine Reifenstapel.
Auf einer Terrasse direkt unter dem Start wärmt sich  Nicola Pescetto auf.

Auf einer Terrasse direkt unter dem Start wärmt sich Nicola Pescetto auf.

© Bartosz Wolinski

Was macht das mit den Fahrern? Johannes Fischbach, 38, ist Deutschlands schnellster Mann und seit 2014 dabei. Er sagt: „Am Start habe ich definitiv Respekt. Ich hatte auf Videos ­gesehen, dass es arg ist, aber wenn du es selbst machst, ist es völlig krank. Minimale Fehler können große Auswirkungen haben. Gleichzeitig musst du dich auf die präzise Linie konzentrieren, aero­dynamisch in Position bleiben und treten, wo du nur kannst.“

Vorbereitung

Es macht einen Unterschied, ob man sein Bike für den UCI Mountain Bike Downhill World Cup abstimmt oder für den Tanz zwischen Mauern, die schon Napoleon gesehen haben. Der Brasilianer Roger Vieira, 31, kommt als Vorjahressieger nach Genua und weiß, was hier nötig ist: „Das Fahrwerk muss für maximale Präzision und Effizienz sehr hart sein. Viel Reifendruck, damit das Bike besser rollt und in Schräglage stabil liegt. Bremspunkte sind härter. So kann man Zeit gewinnen.“ Johannes Fischbach hat einen Downhill-Reifen in stundenlanger Handarbeit von seinen Stollen befreit. Seine Überlegung: „Die MotoGP fährt auch mit Slicks.“
Der spätere Sieger Roger Vieira ­präsentiert sein Gefährt.

Der spätere Sieger Roger Vieira ­präsentiert sein Gefährt.

© Bartosz Wolinski

Angespannte Ruhe bei Pedro Burns (Mitte) und im Wartebereich vor dem Start.

Angespannte Ruhe bei Pedro Burns (Mitte) und im Wartebereich vor dem Start.

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Das Starterfeld auf Terrasse 1 setzt sich aus Fahrern aus der ganzen Welt zusammen, die Stimmung ist eine Mischung aus Anspannung, Rumblödeln und gegenseitigem Respekt. Der Chilene Felipe Agurto zeigt sich begeistert, dass südamerikanischer Downhill-Vibe die Welt ­erobert: „Ich war noch keine zehn Jahre alt, als ich bei Red Bull Cerro Abajo in ­Valparaíso erstmals am Streckenrand stand und wusste: Das möchte ich auch machen.“ Mittler­weile 26 Jahre alt, gehört er zum Favoritenkreis.

Countdown

Gleich beginnt die Uhr für Roger Vieira zu ticken. Er steht sichtbar unter Spannung. Sein Bewegungen entsprechen ­seiner Art zu sprechen: energiegeladen, schnell, vibrierend. Und los, ein paar Pedal­umdrehungen, dann der erste Sprung von vielen, Vollgas vom Hügel bis zum Hafen, cerro abajo, wie der Name schon sagt. Sein Lieblings-Abschnitt: „Der schnelle Schuss gleich am Anfang, wenn die Mauern ganz nahe kommen, und eine kleine Schikane, die zu Fuß nach gar nichts aussieht, die aber enger und ­enger wird.“ Wie schnell die Hindernisse wirklich auftauchen, wie weit die Sprünge gehen, das sehen auch die Fahrer erst in der Qualifikation, in der die besten 15 Fahrer für das Finale ermittelt werden, und dann natürlich im Finale selbst. Im Training geht noch keiner ans Limit.
Mit Blick auf die nächste Kurve: Fahrer Alex Storr.

Mit Blick auf die nächste Kurve: Fahrer Alex Storr.

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Das Puzzle wird erst ganz zum Schluss zu­sammengesetzt, das Risiko wäre zu hoch. Vieira verteidigt seinen Genua-Sieg und zählt auch bei Red Bull Cerro Abajo in Stuttgart (am 6. September) zum engen Kreis der Favoriten. Johannes Fischbach wird Zweiter, sein Gamble mit den selbst gemachten Slicks hat sich bezahlt gemacht. Auch die beiden Chilenen Felipe und Pedro schaffen es in die Top Ten, High-Fives überall. Sämtliche Fahrer haben es ins Ziel ­geschafft, keine Verletzungen, keine geknickten Egos. Die Gladiatoren sind heim­gekehrt.

Community

Nach dem Rennen ist vor der Party. So wie früher die Rennfahrer der Formel 1 in Monaco wissen auch die Urban Downhiller, das sie einen besonderen Sport ­unter besonderen Bedingungen ausüben. So etwas schweißt zusammen. „Unser Gegner ist die Uhr, nicht der andere ­Fahrer“, formuliert Johannes Fischbach.
Alex Marin (l.) umarmt Kumpel und Gegner Johannes Fischbach.

Alex Marin (l.) umarmt Kumpel und Gegner Johannes Fischbach.

© Bartosz Wolinski

Genau wie einst James Hunt oder Jackie Stewart feiern sie nach dem Adrenalin das Leben: erst Pokal, dann Party. ­Fischi: „Wir sind anders als viele Sport­arten. Im Downhill kann jeder mit jedem gut, es gibt echte Freundschaften – in der kleinen Community des Urban Downhill nochmal enger als im World Cup.“ Wie Partys von Red Bull Cerro Abajo sind? „Massiv“, grinst Muskelberg Pedro Burns.
Roger Vieira fährt nach seinem Genua-Sieg als Führender nach Stuttgart.

Roger Vieira fährt nach seinem Genua-Sieg als Führender nach Stuttgart.

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Am Morgen danach schiebt ein Junge sein Kaufhaus-Mountainbike jene Stufen hoch, die gestern noch Teil der Renn­strecke waren. Er überlegt sich, runter­zufahren, und lässt es dann lieber doch sein. Er erinnert an Felipe Agurto, dessen Karriere einst genauso begann: als Fan am Streckenrand. Wer weiß? Vielleicht ist der noch namenlose Junge aus Genua in ein paar Jahren selbst Teil dieser verschworenen Commu­nity, die eines verbindet: ihre Liebe zum Urban Downhill.
Sieger Roger Vieira mit Johannes Fischbach (l.) und Alex Marin (r.).

Sieger Roger Vieira mit Johannes Fischbach (l.) und Alex Marin (r.).

© Bartosz Wolinski

Das willst du selbst erleben?

Dann komm am 5. und 6. September nach Stuttgart, zur Deutschland-Premiere von Red Bull Cerro Abajo. Zum großen Finale der Global Series heizen Roger Vieira, Johannes Fischbach und all die anderen Fahrer die engen Gassen und Treppen der Schwaben-Metropole hinunter. An beiden Renntagen ist der Eintritt frei! Alle Infos unterredbull.com/cerroabajo

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Das weltgrößte urbane Downhill-Rennen bringt die besten MTB-Rider zusammen und jagt sie durch enge Gassen. Jede Line entscheidet. Wer holt sich 2026 den Titel Red Bull Cerro Abajo Weltmeister?

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