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EVO Moment #37 - Der legendäre Daigo-Parry wird 20 Jahre alt
Es ist ein kurzer Moment eines Street Fighter-Matches aus dem Jahr 2004, welches die Fighting Game-Szene und die Gaming-Welt bis heute fasziniert. Wir blicken zurück auf EVO Moment #37.
Es ist nicht nur der ikonischte Moment der Fighting Game-Geschichte, sondern auch der meist geschaute E-Sport-Clip aller Zeiten: EVO Moment #37 hat auch heute nichts an seiner Bedeutung verloren. Das Ende eines Turnier-Matches in Street Fighter III: Third Strike, in dem ein Spieler mit dem letzten Rest seiner Lebenspunkte einem schier unausweichlichen K.O. entgeht und ein phänomenales Comeback erzielt, inspiriert Spieler:innen bis zum heutigen Tag,
Nun feiert dieser Moment sein 20-Jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass blicken wir zurück. Zurück auf die Spieler, welche an jenem Tag ein historisches Match gespielt haben, den Spieletitel, der immer noch einen besonderen Stellenwert innerhalb der Fighting Game-Szene besitzt, und das Turnier, welches mittlerweile eines der wichtigsten E-Sport-Events der Welt ist.
Amerikas letzte Hoffnung
Es ist der 1. August 2004. In Pomona, Kalifornien findet der finale Tag des dreitägigen Fighting Game-Events Evolution Championship Series 2004 statt. Einer der hier gespielten Titel ist Street Fighter III: Third Strike. Im Losers Final der Top 8 treffen zwei Spieler aufeinander, welche bereits große Namen innerhalb der Turnierszene sind: Der Japaner Daigo Umehara und sein amerikanischer Konkurrent Justin Wong.
Daigo war zu diesem Zeitpunkt bereits eine echte Legende mit mehreren Turniersiegen in Spielen wie Super Street Fighter II: Turbo, Street Fighter Alpha 3 oder Capcom vs. SNK 2. Justin war vor allem für seine Resultate in Marvel vs. Capcom 2 bekannt.
Und damit war es nun an der Zeit für Justin, sich zu beweisen. Er stand nicht nur kurz davor, auf dem wichtigsten Turnier des Jahres in das Grand Final von Street Fighter III: Third Strike einzuziehen, er hatte dabei auch die Chance, einen der besten japanischen Spieler aller Zeiten zu besiegen. All das, während er sein gesamtes Heimatland im Rücken hatte. Als letzter verbliebener Spieler aus den USA wartete nur noch der japanische Spieler Kenji "KO" Obata auf einen Herausforderer.
Die Rivalität zwischen Japan und den Vereinigten Staaten begann bereits in den 90er Jahren. 1998 trafen Alex “CaliPower” Valle und Daigo Umehara beispielsweise im Finale der Street Fighter Alpha 3 World Championships aufeinander. Dieses Match wird als der erste große Schlagabtausch zwischen den beiden Regionen betrachtet. Daigo konnte damals das Set mit einem Resultat von 2 zu 1 für sich entscheiden.
Nun, 6 Jahre später, lag es an Justin, den Stolz seines Landes zu verteidigen. Gegen genau jenen Spieler, der bereits in der Vergangenheit einen Spieler aus den Vereinigten Staaten in seine Schranken weisen konnte. Ein Spieler, mit mehr Turniersiegen in seinem Repertoire, als Events, an denen Justin zu diesem Zeitpunkt mitgespielt hatte.
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“Let’s go Justin!”
Das Match zwischen Daigo und Justin beginnt. Zwei Spieler mit sehr unterschiedlichen Strategien. Während Daigo einen sehr offensiven Spielstil pflegt, setzt Justin auf eine eher defensive Taktik. Er hat kein Problem damit, einige Treffer seines Gegners einzustecken und sich in die Ecke des Levels drängen zu lassen, von wo es, mit der Wand im Rücken, im Grund kein Entkommen mehr gibt. In diesen Situationen findet Justin oft einen Wurf-Angriff, mit dem er die Positionen von sich und seinem Gegner tauscht, um diesen dadurch in die nachteilige Position zu bringen und letztendlich dann seine Offensive zu starten.
Justins Charakter unterstreicht diesen Gameplan perfekt. Er spielt Chun-Li. Sie ist sehr mobil und hat weitreichende Angriffe, welche es ihm ermöglichen, diesen “Hit and Run”-Stil zu spielen. Zusätzlich verfügt sie über den Super-Move Hoyokusen. Eine pfeilschnelle Attacke, die 15 Kicks beinhaltet und dank ihrer Reichweite leicht gegnerische Fehler bestrafen kann.
Daigo hingegen spielt Ken. Ein Charakter mit starken Werkzeugen, um Gegner unter Druck zu setzen und auf unterschiedliche Weise eine Combo auszuführen, welche in seinem Super-Move Shippu Jinraikyku enden. Die meiste Zeit seit Beginn ihres Matches ist Daigo aber damit beschäftigt, die Chun-Li von Justin über die Stage zu jagen. Und so kommt es dazu, dass es innerhalb von Match Nummer 1 zu einer Score von 1 - 1 kommt. Beide Spieler haben also die Chance, den ersten Punkt in diesem Best-of-Three zu gewinnen.
Und es sieht nicht gut für Daigo aus. Justin schafft es immer wieder, seiner Offensive zu entkommen und letztendlich verbleiben dem Japaner nur noch etwa 10 Prozent seiner Lebenspunkte, während sein Kontrahent noch fast seinen gesamten Gesundheitsbalken besitzt. Die Kommentatoren, die dieses Set für das Publikum begleiten, merken auch an, dass Daigo offensichtlich frustriert ist. Der “Turtle-Style” von Justin sorgt dafür, dass der versierte Japaner langsam seine Geduld verliert. Daigo macht mehrere Fehler und wird von einzelnen Angriffen von Chun-Li immer wieder getroffen.
Letztendlich hat Justin es geschafft, Daigo auf den letzten Pixel seines Lebenspunktebalkens zu bringen. Er hat zudem genug Ressourcen, um Chun-Lis Hoyokusan zu nutzen. Durch die enorme Geschwindigkeit des Angriffs wäre es Daigo nicht möglich gewesen, dem Angriff zu entgehen. Und da diese Attacke auch dann Schaden verursacht, wenn sie geblockt wird, gibt es im Grunde keine Chance, dass Daigos Ken die 15 Kicks von Chun-Li überlebt. Die Menge sieht diese Gelegenheit und es schneidet ein Zwischenruf durch die angespannte Zuschauerschaft: “Let’s go Justin!”
Ein Blitz zuckt über den Bildschirm und die Action bleibt für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Das Zeichen dafür, dass Chun-Li zu ihrem Hoyokusan ansetzt. Sie prescht nach vorne, die Menge grölt in Zuversicht über den ersten Match-Sieg von Justin gegen Daigo, während der erste Tritt Bruchteile davon entfernt ist, Ken zu treffen und auf die Matte zu schicken.
Doch Daigo wollte sich nicht so einfach geschlagen geben. Street Fighter III: Third Strike bietet nämlich eine erweiterte, defensive Mechanik: Den Parry. Sollte es einem Spieler gelingen innerhalb dem Zehntel einer Sekunde, in dem Moment, in dem er von einem Angriff getroffen wird, den Joystick kurz in die Richtung des Gegners zu tippen, so wird die Attacke negiert und jeglicher Schaden verhindert. Eine Technik, die natürlich auch mehrmals hintereinander genutzt werden kann, aber bei jedem potentiellen Treffer die gleiche, strikte Eingabe-Voraussetzung mit sich bringt. Sollte ein Parry erfolgreich sein, wird dies zudem mit einem befriedigendem, knallenden TSCHING gepaart mit einem kurzen Einfrieren des Bildschirms begleitet. 15 dieser perfekten Eingaben wären nötig, um an dieser Stelle dem finalen Angriff von Chun-Li zu entgehen.
The Beast is unleashed
TSCHING. Der erste Kick trifft Ken. Doch er geht nicht K.O.! Daigo hatte er geschafft den ersten Treffer des Super-Moves zu parieren. TSCHING TSCHING TSCHING TSCHING - Auch die nachfolgenden Tritte werden auf diese Weise abgewehrt. Das Publikum kann nicht glauben, was sie sehen und Schreie füllen den Raum. Am Ende der Animation pausiert Chun-Li für einen kurzen Moment, bevor sie zu ihrem finalen Kick ansetzt, bei dem sie ihr Bein gerade in die Luft streckt. Vor diesem Treffer springt Daigo in die Luft und pariert auch diesen Angriff, der ihn den letzten Rest seiner Lebenspunkte gekostet hätte.
Damit war Daigo dem K.O. entgangen. Allerdings war ihm das nicht genug. Sein Ziel war es, den Spieß umzudrehen. Nach dem letzten Parry befand sich sein Charakter noch in der Luft. Während des Fallens trifft er Chun-Li mit einem Kick, landet und zündet eine kurze Combo, welche in einem Shoryuken endet, welchen er in Kens Super-Move Shippu Jinraikyku abbricht. Der Bildschirm wird überflutet von bunten Farben, während die Buchstaben K.O. aufleuchten. Das Publikum kann sich nicht halten, jegliches Geräusch wird von einer schreienden Menge ertränkt. Lediglich die Kommentatoren sind zu hören: "Unglaublich! Daigo mit dem kompletten Parry! Kontert mit der Combo und gewinnt! Evolution 2004… Es ist Wahnsinn!".
Die Essenz von Fighting Games
Das was EVO Moment #37 so besonders macht, ist, wie simpel er im Grunde ist. Jeder, der ihn sich ansieht, versteht die Signifikanz, kann nachvollziehen, wie bedeutend die Reaktion von Daigo in dieser Situation war. Und was noch viel wichtiger ist: Dieser Augenblick verkörpert alles, was Fighting Games so besonders macht.
Im Vergleich zu vielen anderen E-Sports ist das Pacing von Fighting Games viel höher. Jede Art von Wettbewerb hat diese Momente, in denen die Anspannung kaum zu ertragen ist und ein Move, ein Fehler das gesamte Match entscheiden kann. Durch die Natur der kurzen Matches tauchen diese Situationen in Fighting Games allerdings wesentlich öfter auf.
“99 Sekunden ist eine Lebenszeit” heißt es auch. In einer Runde eines Fighting Games können Spieler eine unglaubliche Menge an Adrenali- fördernden Situationen aufkommen. Und dasselbe gilt für die Zuschauer. Jeder Schlagabtausch kann das Ende eines Matches bedeuten. Oft kocht der Hype zu einer fast spürbaren Statik innerhalb einer Turnier-Location, der dann schlagartig mit dem finalen Angriff eines Charakters freigesetzt wird.
Genau aus diesem Grund leben Fighting Games auch von Offline-Events. Selbst wenn wir letztendlich an einem Punkt angekommen sind, an dem das Genre online gut spielbar ist - nichts übertrifft genau diese Momente. Und jeder, der auch nur einmal eine solche Situation persönlich erleben konnte, wird die Szene lieben lernen. Denn genau dieser Hype, diese Schnelllebigkeit und Energie machen den Kern von Fighting Games aus.
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EVO Moment #37 - Hier sind die Spieler heute
Sowohl Justin als auch Daigo sollten in den folgenden Jahren weiterhin zahlreiche Erfolge feiern. Mittlerweile sind die beiden jeweils absolute Legenden der Szene und nicht nur fähige Turnierspieler, sondern fördern auch durch Content Creation die Community und den Fighting Game-Nachwuchs.
Beide ebneten damals auch den Weg für Profis innerhalb des Genres, da sie zu den ersten Turnierspielern gehörten, welche von Teams und Firmen in Teams mit Sponsorverträgen unterstützt wurden. Daigo ist mittlerweile auch Teil der Red Bull-Familie.
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Daigo Umehara steht seit Jahren an der Weltspitze des Street Fighter-eSports, liebt aber immer noch jede neue Herausforderung.
Der ikonische Moment zwischen den beiden taucht auch immer wieder in der Popkultur auf. Justin selbst macht sich einen Spaß daraus, dass er diesem Match niemals entkommen kann. Er wird immer wieder an dieses brachiale Comeback seines Gegners erinnert. Selbst wenn er einfach nur für reines Vergnügen in seinem Stream Street Fighter III: Third Strike spielen möchte - die EVO Moment #37-Flashbacks werden niemals enden.
Street Fighter III: Third Strike sollte durch dieses Ereignis übrigens auch einen ordentlichen Schub erfahren. Besonders westliche Spieler:innen waren zu diesem Zeitpunkt in 2004 noch nicht von dem Titel überzeugt. Viele mochten die Design-Entscheidungen nicht, die in Street Fighter III getroffen wurden und bevorzugten immer noch Super Street Fighter II oder Street Fighter Alpha 3. EVO Moment #37 gab dem Spiel eine weitere Chance und machte es damit indirekt zu dem Fan-Favoriten, das es heute ist.
20 Jahre später: Die Geschichte wiederholt sich
Auch EVO ist seit diesem Match immer weiter gewachsen. Spätestens mit der Renaissance des Genres, mit dem Release von Street Fighter IV im Jahr 2009 und dem darauf folgenden Aufstieg von Fighting Games innerhalb der E-Sport-Szene. Mittlerweile hat Sony Interactive die jährliche Eventreihe gekauft und expandiert in andere Regionen wie Japan und Europa.
EVO 2024 fand zuletzt über den Zeitraum vom 19. bis 21. August statt und bot erneut Street Fighter III: Third Strike als Bonus-Spiel innerhalb seines Line-Ups von acht Turnier-Titeln an. Über 1.000 Spieler:innen (10 Prozent der mehr als 10.0000 Gesamtteilnehmer) schrieben sich für das Retro-Event ein. Das Resultat war das größte Third Strike-Turnier aller Zeiten.
Und besser hätte es nicht laufen können. Pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum von EVO Moment #37 wurden Zuschauer Zeuge eines weiteren Matches mit ähnlicher Energie. Wie bereits 2004 gab es ein Match zwischen dem letzten Amerikaner innerhalb der Top 6 und einem japanischen Spieler. Franklin "FrankieBFG" Nunez aus den USA trat gegen den “Hugo-God” Hayao an.
Während Frankie Ken spielt, greift Hayao auf den Wrestler Hugo zurück. Letzteres zählt zu den schlechtesten Kämpfern des Spiels. Aber in seiner Laufbahn konnte sich der 40-jährige Japaner als echter Charakter-Experte herauskristallisieren. Und in diesem Set zwischen ihm und Frankie konnte er das erneut zur Schau stellen. Ähnlich wie sein Landsmann Daigo war auch Hayao auf dem letzten Pixel seines Lebenspunktebalkens angekommen. Und genau wie damals sorgte eine Abfolge von perfekt ausgeführten Parries, eine kurze Combo und ein absolut irrsinniger Read dafür, dass wieder einmal Geschichte geschrieben wurde. EVO Moment #38 wurde geboren.
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