F1
Sergio Pérez mit unglaublicher Aufholjagd beim F1-Thriller in Silverstone
Der Mexikaner erhebt sich aus der Tiefe der Verzweiflung und holt beim dramatischen GP in Silverstone Platz 2, während Max Verstappens Siegesserie ein unglückliches Ende findet.
Beim heiß ersehnten Grand Prix von Großbritannien auf der legendären Rennstrecke in Silverstone hätte es für Sergio "Checo" Pérez nach vier Runden nicht viel schlechter aussehen können. Der Oracle Red Bull Racing-Pilot wurde in der ersten Runde unschuldiges Opfer eines Scharmützels an der Spitze und musste mit einem ramponierten Frontflügel an die Box. Das Resultat: der letzte Platz und damit eine aussichtslose Position, die wohl jeden anderen Piloten abgeschreckt hätte -- aber nicht Pérez! Und vor allem nicht den Pérez des Jahres 2022, der sich in der Bestform seiner Karriere befindet und über den nötigen Biss verfügt, um sogar so eine Situation in eine Spitzenplatzierung zu verwandeln.
Aber das war noch lange nicht alles vom diesjährigen GP in Großbritannien! Nach 52 packenden Runden auf der Rennstrecke, auf der vor 72 Jahren das erste Rennen in der Formel 1 ausgetragen wurde, war der zweite Platz von Pérez nur eine von vielen Episoden in einem Rennen, das mehr Dramatik und Spannung bot als manche ganze Saison.
Das Rennen begann mit einem schweren Crash in der ersten Runde, bei dem gleich ein Viertel aller Fahrzeuge involviert war. Nach fast einer Stunde erlebten die Fans dann endlich den Restart in Silverstone. Danach folgte spektakuläres Racing der Extraklasse. Carlos Sainz von Ferrari holte seinen ersten F1-Sieg bei seinem 150. Rennstart und nach seiner ersten Pole Position -- klingt einfach, war es aber nicht! Die 10. Runde der F1-Saison 2022 bot fulminante Motorsport-Action für die Geschichtsbücher.
Neben Sainz und Pérez stand auch der Lokalmatador von Mercedes Lewis Hamilton auf dem Podium, während der amtierende Weltmeister Max Verstappen über weite Strecken des Rennens mit einem angeschlagenen Red Bull kämpfte und sich mit Platz 7 zufriedengeben musste. Er sicherte sich damit 6 WM-Punkte und führt die Fahrerwertung weiterhin mit 34 Punkten an.
Der Sieg von Sainz beendete die beeindruckende Siegesserie von sechs Siegen in Folge für Red Bull Racing - die längste Serie für das Team, seit Sebastian Vettel die letzten neun Rennen des Jahres 2013 gewann. Gleichzeitig verlängerte der Ferrari-Sieg die kuriose Durststrecke von Red Bull in Silverstone auf ein ganzes Jahrzehnt. Das letzte Mal war es Mark Webber 2012, der für Red Bull Racing in Großbritannien gewinnen konnte.
Hier nun der ausführliche Bericht über den dramatischen Rennnachmittag in der englischen Sommersonne von Silverstone.
Aufgeben war für Checo noch nie eine Option!
Sergio Pérez liebt Silverstone. Das Problem war nur, dass Silverstone ihm diese Liebe bisher nicht erwiderte. In den zehn bisherigen Rennen auf der Strecke, die auf einem alten Flugplatz aus dem Zweiten Weltkrieg angelegt ist, war das beste Ergebnis des Mexikaners nur ein sechster Platz... aber das war der Pérez von vor 2022.
Nach Startplatz vier und einem Blitzstart lag Pérez bereits in der ersten Kurvenkombination auf Augenhöhe mit dem Ferrari von Charles Leclerc. Bei dem Duell kam es schließlich zum Kontakt der beiden Rivalen, bei dem sich der Frontflügel des Mexikaners löste. Das Team entschied deshalb, früh an die Box zu fahren. Pérez berühmtes Reifenmanagement und ein Quäntchen Glück sorgten dafür, dass sich dieses Lotteriespiel auszahlte.
Auf Medium-Reifen und auf Platz 17 liegend, kämpfte sich Pérez langsam nach vorne, bis ihm in Runde 39 das Glück wieder hold war, als Esteban Ocons Alpine den Geist aufgab und das Safety Car ausrückte. Pérez nutzte die Gelegenheit und kam erneut an die Box, während das Feld wieder zusammenrückte. Nach dem Restart, bei dem Sainz am besten wegkam, fand sich Pérez in einem erbitterten Kampf um das Podium mit Leclerc und Hamilton wieder. Unter dem frenetischen Jubel der Fans lieferte sich das Trio einen fulminanten Rad-an-Rad-Fight, bei dem Pérez schließlich die Oberhand behielt und mit nur 3,8 Sekunden Rückstand auf Sainz seinen sechsten Podestplatz im zehnten Rennen feierte -- neue persönliche Bestmarke. Mit 147 Punkten in der bisherigen Saison hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass Oracle Red Bull Racing den Rückstand auf Ferrari in der Konstrukteurswertung auf 64 Zähler verkürzen konnte.
"Es war ein großartiges Comeback, wir haben nicht aufgegeben und weiter gepusht", sagte Pérez, nachdem er von den Fans hochverdient zum Driver of the Day gewählt worden war. "Am Ende bekamen wir eine Chance und wir nutzten sie. Es war ein sensationeller Fight mit Charles und Lewis... und echt unglaublich packende Schlussrunden mit einem spannenden Kampf zwischen uns."
Nach der ersten Runde dachte er nicht im Entferntesten daran, aufs Podium zu fahren: "Ich wurde einfach zusammengequetscht, ich konnte nirgendwo hin. Charles war auf der Innenseite, Max auf der Außenseite und mein Frontflügel wurde ziemlich stark beschädigt. Ich musste für einen Wechsel an die Box, kam als Letzter raus und musste ganz von vorne anfangen."
Verstappen kämpft weiter
In Max Verstappens glänzender F1-Karriere gibt es kaum Kritikpunkte, aber der Grand Prix in Silverstone bleibt für den Red Bull-Superstar ein Mysterium. Lange Zeit sah es am Wochenende so aus, als würde der Niederländer zum zweiten Mal in dieser Saison, nach seinen Siegen in Aserbaidschan und Kanada, einen Hattrick schaffen. Aber es sollte nicht sein...
Nach Startplatz 2 ging Verstappen in Runde 10 in Führung, als Sainz nach Fehler kurz die Strecke verließ. Nur zwei Runden später musste Verstappen durch einen ungeplanten Boxenstopp die Führung aber wieder abgeben. Ein neuer Reifensatz konnte seine Probleme auch nicht lösen. Das Team meldete Schäden an der rechten hinteren Karosserie und am Unterboden, was die Performance des Boliden spürbar beeinträchtigte.
"Ich übernahm die Führung, weil Carlos einen Fehler machte. Ein paar Runden später lag dann ein Trümmerteil auf der Ideallinie und ich konnte weder links noch rechts ausweichen. Es zerstörte die linke Seite des Unterbodens komplett", erklärte er. "Innerhalb von zwei Kurven hatte ich das Gefühl, dass das Auto auseinanderfällt. Mit diesem Auto Siebter zu werden... auf jeden Fall besser als null Punkte, das steht fest!"
Verstappen machte das Beste aus seiner miserablen Situation und hielt sich stark in den Top 10. In den Schlussrunden lieferte er sich ein beherztes Duell mit Mick Schumacher (Haas), das der Deutsche hauchdünn mit nur 0,2 Sekunden Vorsprung für sich entschied. Schumacher holte damit seine ersten F1-Punkte.
Der 7. Platz setzt die kuriose Serie von Verstappen in Silverstone fort. Obwohl er bereits zwei Mal in Silverstone siegreich war, wartet er immer noch auf einen Grand Prix-Sieg hier. Wie das? Er gewann den Grand Prix zum 70-jährigen Jubiläum 2020, das zweite von zwei Rennen, das in Silverstone im Rahmen der verkürzten Saison stattfand. Außerdem gewann er im vergangenen Jahr das Sprintrennen hier, das für die Startaufstellung im eigentlichen Rennen entscheidend war.
Zhou mit Glück im Unglück
Wer sich fragt, wie es zur angesprochenen einstündigen Startverzögerung kam: Nur Sekunden nach dem Lights-Out wurde das Rennen nach zwei folgenschweren Zwischenfällen mit der roten Flagge unterbrochen. Der Alfa Romeo-Neuling Zhou Guanyu erlebte einen dramatischen Crash, bei dem er auf wundersame Weise unverletzt blieb.
Der Mercedes-Pilot George Russell kam von Startplatz 8 nur langsam weg, während Zhou die Außenlinie wählte und das Feld auf Kurve 1 zuraste. Pierre Gasly von der Scuderia AlphaTauri sah die Lücke zwischen Russell und Zhou, aber es war zu wenig Platz. Russell streifte Zhou und der Alfa Romeo überschlug sich. Kopfüber rutschte Zhou durch das Kiesbett, wurde über die Reifenwand katapultiert und prallte gegen den Zaun. Der Chinese wurde sofort medizinisch versorgt und konnte bis zum Ende des Rennens tatsächlich wieder ins Fahrerlager zurückkehren, nachdem er im medizinische Zentrum für fit erklärt worden war.
Das Chaos hatte aber weitere Folgen: Weiter hinten im Feld versuchte Alex Albon (Williams) mit einem Bremsmanöver dem Chaos auszuweichen, wurde aber vom Aston Martin von Sebastian Vettel in die Mauer geschoben, während Ocon im Alpine ebenfalls verwickelt wurde. Nach den wohl dramatischsten ersten Runden seit langer Zeit, kamen glücklicherweise alle mit dem Schrecken davon.
Ein Tag zum Vergessen für Gasly und Tsunoda
Gaslys Teamkollege Yuki Tsunoda wurde ebenfalls Opfer eines Zwischenfalls in der ersten Runde. Nachdem er von beiden Seiten gerammt wurde, rettete er seinen schwer angeschlagenen AT03 in die Box. Tsunoda kam schließlich als einziger AlphaTauri-Pilot ins Ziel und belegte Platz 14.
Die beiden Teamkollegen Gasly und Tsunoda gerieten in Runde 10 aneinander, wobei Tsunoda einen fünfsekündigen Penalty erhielt, weil er für den Dreher der beiden Boliden verantwortlich gemacht wurde. Gasly musste nach 20 Runden aufgeben.
Die einzige gute Nachricht für den Franzosen seit dem Grand Prix in Kanada? Gasly Vertrag wurde nach dem Rennen in Montreal für die Saison 2023 verlängert und trotz der zweiten Nullnummer in Folge liegt er mit 16 Punkten weiterhin auf Platz 11 in der Fahrerwertung. Tsunoda, der seit dem sechsten Rennen in Spanien nicht mehr gepunktet hat, liegt mit 11 Punkten auf Platz 15.
Der Countdown für den Grand Prix in der Steiermark läuft
Von Silverstone aus geht es bereits am 10. Juli zum Großen Preis von Österreich auf den Red Bull Ring, wo das zweite von drei geplanten Sprint-Qualifyings in dieser Saison stattfindet, um die Startaufstellung für das eigentliche 71-Runden-Rennen am Sonntag auf der spektakulären Strecke im Vorgebirge der steirischen Alpen festzulegen.
Der amtierende Weltmeister führte alle 71 Runden beim Großen Preis der Steiermark und beim Großen Preis von Österreich vor einem Jahr an, beide Male von der Pole-Position aus. Beim GP von Österreich 2021 war der Niederländer so stark, dass er seinen ersten sogenannten "Grand Chelem" feierte, bei dem ein Fahrer jede Runde von der Pole Position aus anführt, das Rennen gewinnt und die schnellste Runde fährt (beim diesjährigen GP der Emilia Romagna gelang ihm dieses Kunststück erneut). Kein Wunder, dass so viele Fans in orange jedes Jahr nach Österreich pilgern, immerhin hat Verstappen auch 2018 und 2019 hier gewonnen.
Mit der beeindruckenden Bilanz von Verstappen in der Steiermark kann kaum jemand mithalten -- und auch Teamkollege Pérez ist da keine Ausnahme. Ein vierter Platz ist das Beste, was dem Mexikaner bei seinen zehn Starts hier gelungen ist. Bei den letzten vier Österreich-GPs wurde er jeweils Sechster.
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