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Reanimal: Zwischen düsterer Atmosphäre und motivierendem Zusammenspiel
Die Little Nightmares-Macher liefern mit Reanimal ein audiovisuelles Horrorfest. Doch die fragmentierte Story und das abrupte Ende nach 4,5 Stunden hinterlassen Fragezeichen.
Tarsier Studios haben mit Little Nightmares bewiesen, dass sie verstehen, wie man Horror inszeniert. Mit Reanimal wagen die schwedischen Entwickler nun einen noch düstereren Schritt und schaffen dabei ein Werk voller Widersprüche. Das neue Horror-Adventure ist ein audiovisuelles Meisterwerk, das mit seinen verstörenden Bildern noch lange im Gedächtnis bleibt. Gleichzeitig fühlt es sich an wie eine Sammlung brillanter Einzelmomente, die nie zu einem stimmigen Ganzen verschmelzen.
01
Wenn Alpträume lebendig werden – aber nicht zusammenpassen
In Reanimal begleiten wir zwei Geschwister durch eine surreale, albtraumhafte Welt. Von einem heruntergekommenen Waisenhaus über ein Kriegsschiff voller toter Wale bis hin zu zerbombten Schützengräben. Die Schauplätze könnten unterschiedlicher nicht sein, was für Abwechslung sorgt. Auch wenn der rote Faden in der Story fehlt.
Was Reanimal unbestreitbar meisterhaft beherrscht, ist die Erschaffung beunruhigender Atmosphäre. Die erste Begegnung mit den "Hautmenschen" brennt sich unweigerlich ins Gedächtnis ein. Dabei ist die Inszenierung des neues Koop-Horror-Games der Schweden schlicht meisterhaft.
Die Kamera gleitet mit kinoreifer Präzision durch Räume, verfolgt die Charaktere durch Fenster und Türen, rahmt Szenen perfekt ein. Ein Boss-Kampf fühlt sich befriedigend und flüssig an, die Schlussminuten bieten echte Nervenkitzel-Momente. Besonders eine Unterwasser-Sequenz zur Mitte des Spiels gehört zweifellos zu den besten und intensivsten Horror-Erlebnissen der letzten Jahre.
Die Soundkulisse trägt maßgeblich zur Atmosphäre bei. Tarsier setzt bewusst auf Reduktion: Kein aufdringlicher Soundtrack, sondern eine minimalistische, bedrohliche Klanglandschaft, die mit Kopfhörern ihre volle Wirkung entfaltet.
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02
Gameplay: Zwischen Walking-Simulator und Frustration
Doch aus spielerischer Sicht ist nicht alles Gold was glänzt. Hier offenbart Reanimal seine größte Schwäche. Das Gameplay ist deutlich reduzierter als bei Little Nightmares. Jump-and-Run-Sequenzen, Rätsel, Fluchtpassagen. Das alles funktioniert zwar, doch erinnert der Titel stellenweise eher an einen Walking-Simulator statt an einen Action-Plattformer.
Die meiste Zeit bewegt man sich geradeaus durch die Schauplätze, gelegentlich unterbrochen von Passagen in einem Holzboot oder hinter dem Steuer eines Panzers.
Die Aufgaben und Rätsel sind minimalistisch. Meist geht es darum, einen Schlüssel zu finden oder einen Weg zu öffnen. Die einzige spielerische Herausforderung besteht darin, sich geduckt an Gegnern vorbeizuschleichen oder vor ihnen wegzulaufen. Das wiederum unterstreicht jedoch die schneidende Atmosphäre des Spiels, schmeckt aber sicherlich nicht jedem.
03
Koop-Spaß mit kryptsicher Story
Reanimal kann solo oder zu zweit gespielt werden. Der Koop-Modus steht online wie lokal zur Verfügung, mit Crossplay zwischen PC und Konsolen. Damit geht das Game einen anderen Weg als Spiele wie Split Fiction oder It Takes Two, die die kooperative Spielerfahrung ins Zentrum rücken.
Wer sich für den Koop entscheidet, muss stets dafür sorgen, dass beide Charaktere in unmittelbarer Nähe bleiben. Entfernt man sich auch nur wenige Meter voneinander, verschwimmt das Bild, was das Weiterkommen verhindert. Und dennoch entfaltet Reanimal gerade im Zusammenspiel seine größten Stärken. Wenn Teamarbeit, Ablenkung und gemeinsames Herzrasen das Tempo bestimmen, bietet der Titel seine besten Momente.
Das größte Problem von Reanimal ist allerdings seine fragmentierte Erzählweise. Das Spiel präsentiert eine Reihe brillanter, verstörender Einzelszenen, die jedoch nie zu einer übergreifenden Geschichte zusammenfinden. Es fehlt ein klarer Antagonist, ein klares Thema oder ein narrativer Faden, der alles miteinander verbindet.
Tarsier setzt erneut auf kryptisches Storytelling. Wie bei Little Nightmares müssen Spieler:innen selbst interpretieren, was sie sehen. Das kann funktionieren, braucht aber eine gewisse Grundstruktur. Schade zudem, dass nach fünf bis sechs Spielstunden bereits der Endscreen über den Bildschirm flimmert.
04
Starke Inszenierung, doch etwas fehlt
Die technische Umsetzung läuft auf PS5 einwandfrei, sowohl solo als auch im Koop. Besonders die audiovisuell überzeugende Umsetzung macht Reanimal so interessant. Mit einem stimmigen Grafik-Konstrukt und einer atmosphärischen Vertonung schafft das Abenteuer eine unglaubliche Kulisse, die einen sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Das Spiel kommt zudem mit deutscher Vertonung, wenn auch nur für die wenigen gesprochenen Sätze.
Reanimal ist ein gespaltenes Erlebnis. Als audiovisuelles Kunstwerk funktioniert der Titel hervorragend. Liefert verstörende Bilder, meisterhafte Inszenierung und eine bedrückende Atmosphäre, die noch lange nachwirkt. Einzelne Szenen gehören zum Besten, was das Horror-Genre zu bieten hat.
Als Videospiel jedoch kämpft Reanimal mit seinen selbst auferlegten Limitierungen. Das reduzierte Gameplay mag eine bewusste Entscheidung sein, um die Atmosphäre nicht zu stören. Doch fehlt es über die gesamte Spielzeit hinweg an Substanz und lässt gerade beim Gameplay und der Story Potenzial auf der Strecke.
Wer Reanimal als interaktive Horror-Kunstinstallation betrachtet und bereit ist, für dieses Erlebnis den Preis zu zahlen, wird nicht enttäuscht. Wer jedoch ein vollwertiges Spiel mit durchdachtem Gameplay und kohärenter Story erwartet, sollte vorsichtig sein oder erst im Sale zugreifen.