Überflieger: Thomas Morgenstern, einst Skispringer, nun Helikopter-Pilot
© Julian Lajtai
Skispringen

Immer auf der Erfolgsspur

Thomas Morgenstern, 36, beendete 2014 seine Skisprung-Karriere – um als Helikopterpilot und Unternehmer abzuheben. Für uns blickt er auf sein Leben zwischen Höhenflügen, Absturzängsten und Bügeleisen.
Autor: Lisa Hechenberger
11 min readPublished on
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Der ehemalige österreichische Ausnahme-Skispringer hat seine eigene Definitionen von Erfolg gefunden. Und die beschränkt sich nicht auf herausragende Ergebnisse auf den Skisprungschanzen – wie er uns im Interview verrät.
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THE RED BULLETIN: Du hast geschafft, was nur fünf weiteren Skisprungathleten bisher gelungen ist: Olympiagold, Weltmeistertitel, Gesamtweltcup- und Vierschanzentournee-Sieg. Der ultimative Erfolg im Skispringen sozusagen. Was bedeutet dir das heute im Rückblick?
THOMAS MORGENSTERN: In erster Linie bin ich einfach sehr dankbar, wie sich meine Karriere entwickelt hat. Auch weil alles furchtbar schnell ging. Mit vierzehn habe ich mich für das Skispringen entschieden, mit sechzehn war ich im Weltcup und im fünften Springen durfte ich schon meinen ersten Sieg holen. Das macht mich auch sehr stolz.
Ist also an „früh übt sich“ in deinem Fall was dran?
Ich wollte schon von klein auf Sportler werden, das war meine Vision. Natürlich, wie fast jedes Kind, erstmal Profi-Fußballer – dann Profi-Skispringer. Und ich hatte das große Glück, dass meine Eltern mich dabei voll unterstützt haben und mein Papa seine Zeit relativ gut einteilen und mich zum Training bringen konnte. Weil, anders als beim Fußball, konnte ich nicht zum Sportplatz im Ort spazieren, sondern musste jeden Tag 100 Kilometer fahren. Das ist ein Aufwand, für den man den Eltern sehr dankbar sein muss. Heutzutage wird das alles immer schwieriger: beide Elternteile sind berufstätig, die Trainingseinheiten finden abends statt, die Schule gilt es auch noch unter einen Hut bringen …
Statt auf dem Fußballfeld verbrachte Morgenstern seine Jugend auf Schanzen.

Statt auf dem Fußballfeld verbrachte Morgenstern seine Jugend auf Schanzen.

© privat

Hattest du also so gesehen einen Vorteil?
Mein Vorteil war, dass ich recht schnell in den ÖSV-Kader gekommen bin und von dort dann auch schnell in den Weltcup-Tross. Und dank meinem L17-Führerschein war ich früh selbstständig mobil. Fortgehen, Partys und andere Dinge, die viel Zeit gekostet hätten, waren für mich eh nie ein so großes Thema wie etwa für meine Freunde.
Hast du das nicht vermisst?
Nein, weil ich das gar nie richtig gelernt habe. Vielleicht hole ich das ja jetzt ein bisschen nach. (lacht)
Erinnerst du dich an deinen ersten Auftritt im ÖSV-Team?
Mein erstes Weltcupspringen war Ende Dezember 2002 in Oberstdorf – und auf einmal bist du da in einer Mannschaft mit Kollegen, die du eigentlich nur aus dem Fernsehen kennst, die Idole sind, die du anhimmelst, wie einen Andreas Goldberger, einen Widhölzl Andi, Höllwarth Martin, Schwarzenberger Reini, das waren die Stars! Und du kommst als sechzehnjährige „Rotzpipn“ dazu und willst mitmischen. Das war sehr prägend.
Wie war der Umgang der arrivierten Springer mit dem Nachwuchs?
Ich wurde sehr herzlich aufgenommen. Aber wenn einer dazukommt, der denkt, er muss den großen Zampano machen, war klar: die holen ihn schnell wieder auf den Boden. Ich war anfangs mit „Goldi“ im Zimmer, dann relativ lange mit dem Höllwarth Martin und danach mit dem Loitzl Wolfi – also immer mit Kollegen, die sehr viel älter waren als ich. Davon habe ich extrem profitiert.
Ist dir ein Moment deiner Karriere besonders im Gedächtnis geblieben?
Puh da gibt’s einige… Wenn ich aber jetzt nur einen nennen dürfte, dann wäre das der Olympiasieg 2006 in Turin. Das war einfach der Wahnsinn. Ich weiß noch gut, wie Ende der 90er der Austragungsort der Olympischen Spiele verkündet wurde und Ich, damals Teenager, mit meinem damaligen Nachbarn und besten Freund beschlossen habe: Da sind wir dabei – egal ob als Zuschauer oder als Sportler.
Du solltest Recht behalten.
Ja. Am Ende war ich als Athlet dabei. Aber der Traum von Turin war eben schon lange vor meinem Karrierestart da. Und Turin selbst … wow! Eine Woche vor dem Olympiabewerb war das Weltcupspringen in Willingen, bei dem Andi Kofler auf Platz eins landete und ich auf Platz zwei. Damals habe ich gescherzt: in Turin drehen wir es einfach um. Und um den berühmten Zehntelpunkt hat das dann wirklich funktioniert. Olympiasieger – ein unvergesslicher Moment!
Was bedeutet Erfolg grundsätzlich für dich?
Es ist eine schöne Bestätigung. Mir war es aber wichtiger, klare Ziele zu setzen und alles zu tun, um diese zu erreichen. Ich sage immer: Es ist schöner, Olympiasieger zu werden, als Olympiasieger zu sein. Der Weg dahin ist viel emotionaler, du musst dich neu orientieren und ständig neue Inputs einholen, um besser zu werden. Du hast zwar das Ziel vor Augen, aber der Weg ist selten eine gerade Straße, du musst Umwege gehen. Aber durch diese Umwege lernst du dich selbst besser kennen. Und wenn man dann das Ziel erreicht, ist dieses extreme Glücksgefühl da. Bis zum nächsten Tag. Dann stellt sich wieder die Frage: Was willst du jetzt erreichen?
Gut gereift: Morgenstern bereut den Rücktritt in jungen Jahren nicht.

Gut gereift: Morgenstern bereut den Rücktritt in jungen Jahren nicht.

© Matthias Heschl

Hört sich bisher alles eher nach Bilderbuchkarriere an. Hat es nie Rückschläge gegeben?
Es sind auch bei mir viele Tränen geflossen, klar. Ich hatte schwierige Jahre, in denen ich mir dachte: Was ist jetzt los? Ich mache alles, gebe alles, arbeite genauso wie im Vorjahr, wo ich den Gesamtweltcup gewonnen habe. Und plötzlich bist du weg vom Spitzenfeld. Das geht im Skispringen brutal schnell. Erfolg bedeutet in dem Sinne für mich auch, es zu schaffen, ein gutes Team um sich aufzubauen. Wenn man alles mit sich selbst ausmacht, zerbricht man daran. Und man muss Vertrauen in die Leute haben, die einem gut gesinnt sind. Ich habe beispielsweise nie eine Trainerentscheidung hinterfragt, weil ich darauf vertraut habe, dass derjenige genau weiß, was gut für mich ist. Aber auch auf Familie, Management, Partner und Sponsoren muss man sich verlassen können – gerade wenn es mal nicht läuft.
Du hast früh als Profi angefangen, aber auch früh aufgehört – mit nur 27 Jahren. War es der richtige Zeitpunkt?
Ein schönes Ende zu finden ist einer der schwierigsten Parts einer Karriere. Bei mir ergab es sich durch den schweren Sturz im Jänner 2014 am Kulm. Ich hatte ein extremes Schleudertrauma, wollte aber unbedingt an den Olympischen Spielen in Sotschi im Februar teilnehmen. Viel schlimmer als das Körperliche war die Angst. Ich hatte davor noch nie Angst vor einem Sprung. Respekt, ja, aber Angst? Da ich nach meinem Sturz einen Tag später mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus aufgewacht bin, ohne irgendwas davon mitbekommen zu haben oder mich zu erinnern, hat sich alles verändert. Plötzlich stellte ich mir die Frage: Was, wenn’s mich wieder irgendwo zerbröselt? Ich will gesund leben und eigentlich habe ich bereits alles erreicht. Wem oder was lauf ich denn nach? Ob dann eine Medaille mehr daheim hängt oder nicht, war mir ehrlich gesagt egal. Es gibt ein Leben nach dem Sport, das wesentlich länger dauert.
Ich hatte nie Angst. Aber plötzlich stellte ich mir die Frage: Was, wenn's mich wieder irgendwo zerbröselt?
Der Sturz im Jänner 2014 hat Thomas Morgenstern geprägt.
Wie lief der Entscheidungsprozess damals ab?
Ich weiß noch, ich lag daheim am Boden und habe mit meiner Tochter gespielt. Dann habe ich zu ihr gesagt: „Lilli, ich fahr‘ jetzt nach Innsbruck, dort mache ich meine letzten Sprünge, mit Spaß, mit Freude, mit viel Anlauf – und dann hör ich auf.“ Verstanden hat sie mich damals eh noch nicht (lacht). Das Wichtigste war mir aber, mit einem fetten Grinser aufzuhören. Wenn ich starte, will ich erfolgreich sein, und nicht irgendwo im hinteren Mittelfeld mitspringen. Und ich wusste: Mit Angst werde ich nicht erfolgreich sein.
Klingt so, als hättest du deine Entscheidung nie bereut.
Es gibt oft ein lachendes und ein weinendes Auge. Wenn ich heute in Bischofshofen bei einer Vierschanzentournee zuschaue, denke ich mir natürlich: Cool wär’s schon, her mit einem Paar Ski, ich will da jetzt runter und am besten noch um den Tournee-Sieg mitspringen. Aber wem diese Gedanken nicht kommen, der war wahrscheinlich emotional nie wirklich involviert.
Schon ein Jahr nach deinem Rücktritt hast du den nächsten Weltmeistertitel geholt. Als Rookie bei der Helikopterflug-WM. Brauchst du immer etwas, das deinen Ehrgeiz weckt?
Ich mag es, Ehrgeiz zu entwickeln. Rookie bist du bis 250 Stunden Flugerfahrung, das hat damals für mich genau gepasst. Das Problem ist dann eher, wie es weitergeht. Denn danach fällt man in die allgemeine Klasse, das Feld wird dadurch extrem groß und die Bedingungen sind vollkommen unterschiedlich. In Österreich haben wir zum Beispiel nicht die Möglichkeit, einfach vom Feld neben dem Haus aus den Hubschrauber zu starten, woanders geht das. Bis ich also mal in Enns am Flugplatz bin und zurück, vergehen schon 50 Minuten. Das geht ins Geld, Hubschrauberfliegen ist nämlich extrem teuer, und du wirst trotzdem nie so gut sein wie jemand, der bessere Trainingsmöglichkeiten hat.
Wie kam es dann dazu, dass du jetzt dein eigenes Hubschrauberunternehmen führst?
Der Blacky (Siegfried Schwarz, Anm.) von den Flying Bulls meinte nach meinem Rücktritt zu mir: „Das Heli-Team Austria macht auch Wettkämpfe im Präzisionsflug, das taugt dir bestimmt, da kannst du deinen Wettbewerbsgedanken ausleben und ein Skillset und Netzwerk in der Fliegerei aufbauen.“ Über das Team habe ich Stefan Seer kennengelernt, der selbst einen Hubschrauber hatte. Also stand ich irgendwann vor der Frage: Was willst du jetzt? Mit ein paar Freunden fiel dann die Entscheidung: Machen wir’s g‘scheit! Also haben wir alle den Berufspilotenschein gemacht, eine Firma aufgebaut, Hubschrauber gekauft und schauen nun, dass das, was wir investiert haben, auch wieder zurückkommt.
Heute ist Thomas Morgenstern stolzer Inhaber eines Helikopter-Unternehmens.

Heute ist Thomas Morgenstern stolzer Inhaber eines Helikopter-Unternehmens.

© Julian Lajtai

Gibt es Parallelen zwischen Ski- und Helikopterfliegen?
Eine Gemeinsamkeit ist sicher die penible Vorbereitung. Man steigt nicht einfach in einen Hubschrauber und fliegt los. Man macht ein Wetterbriefing, ein Streckenbriefing, Gewichtsberechnung, schaut sich die Maschine an, checkt die Wartung und alle Papiere. Und beim Skispringen musst du auch gut vorbereitet sein, um irgendwann von einer großen Schanze springen zu können. Auch kommt es in beiden Fällen auf Genauigkeit an. Fehler, die passieren könnten, müssen soweit wie möglich minimiert werden.
Ist das Eingehen von Risiken Voraussetzung für Erfolg?
Klar, herzugehen und zu sagen: Ich eröffne jetzt eine Hubschrauberfirma – das ist ein Risiko. Es kostet viel Geld und viel deiner Zeit. Aber einen Schritt nach vorne zu gehen, ist eigentlich immer ein Risiko. Und wenn du ihn nicht machst, wirst du nicht wissen, wohin er dich führt. Fällst du dabei auf die Schnauze, musst du eben aufstehen und etwas anders machen. Natürlich kannst du auch daheim bleiben und nichts Neues probieren, weil dir eh alles passt. Das bringt dich halt nicht weiter.
Fehlt irgendein persönlicher Erfolg noch auf deiner Liste?
Es gibt sicher Dinge, die ich noch erleben will…
Also hast du eine Bucket List?
Nein, das nicht. Auch weil ich momentan zu wenig Zeit habe, mir rundherum noch Dinge aufzuladen. Die Springerei erlebe ich durch meine Tochter, die von sich aus zum Skispringen angefangen hat, ja zum Glück wieder mit. Jetzt bin ich wieder öfter an der Schanze und sehe in ihr mich selbst, wie ich dort als Kind stand, an den kleinen Schanzen in Villach, Velden, Klagenfurt, wo ich 20 Jahre lang nicht mehr war, wo aber teilweise immer noch dieselben Leute tätig sind. Das ist schön und eine tolle Aufgabe für mich: meiner Tochter den Spaß des Skispringens zu vermitteln.
Und bei welchem Thema wirst du in diesem Leben keinen Erfolg mehr verzeichnen können?
Beim Bügeln! (lacht) Ich helfe echt gerne und viel im Haushalt, aber Bügeln ist wirklich etwas, das ich einfach nicht mag. Und Ausdauersport! Beim Wings for Life World Run bin ich natürlich immer gerne dabei und nehme mir auch jedes Jahr vor, im Jahr darauf mehr zu schaffen. Aber ich war einfach Schnellkraftsportler, Sprungkraft hatte ich ohne Ende. Nur wenn’s ums Laufen geht, können das andere besser. Da versuche ich es eher nochmal mit Bügeln.
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Gut gemacht, Österreich

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*Die Produktion findet im Jänner/Februar 2023 statt. Die Fotos und Videos werden über die Red Bull Media House-Kanäle von Servus in Stadt & Land, The Red Bulletin und The Red Bulletin Innovator veröffentlicht.
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Thomas Morgenstern

Für den dreimaligen Goldmedaillen-Sieger Thomas Morgenstern kam der Durchbruch im Skisprung-Weltcup im Alter von 16 Jahren.

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