Natalia Avelon rauscht zum Interview durch die Tür des Büros ihrer Agentin in Berlin-Schöneberg, setzt sich auf einen Drehstuhl, ein Bein auf dem Boden, und dreht sich immer wieder hin und her. Die 40-Jährige wirkt, als stünde sie permanent unter Strom – dazu passt, dass sie eine Vorliebe für AC/DC hat. Dass sie viel Energie hat, zeigt die Schauspielerin („Das wilde Leben“) und Sängerin („Love Kills“) auch in der TV-Serie „Crews & Gangs“ auf der Plattform Joyn.
THE RED BULLETIN: In „Crews & Gangs“ spielen Sie die Mutter eines Mädchens, das in die Hip-Hop- Szene eintaucht. Was wäre Ihr Rat an eine eigene Tochter?
NATALIA AVELON: Entspann dich und sauge alles im Leben mit allen Sinnen auf. Lern die Welt kennen und dadurch dich selbst. „Der Weg ist das Ziel“ ist ein schlauer Spruch. Wenn du auf dem Weg auf die Schnauze fällst, ist Aufstehen das Wichtigste. Und ich würde ihr raten, auf ihre Intuition zu vertrauen. Intuitiv reagierst du immer richtig. In 99,9 Prozent der Fälle höre ich auf mein Bauchgefühl. Die restlichen 0,01 Prozent gehen schief, weil ich mich dagegen entschieden habe.
Wie entwickelt man diese Gefühlssicherheit?
Ich hatte immer eine starke Intuition. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, verkrampft mein Körper und wird kalt. Wenn alles passt, wird er weich und warm. Das ist eine regelrecht animalische Energie, die mich schon vor Gefahren gerettet hat.
Was ist passiert?
Mit zwölf wurde ich in meinem Dorf auf dem Heimweg vom Schwimmbad von einem älteren Mann überfallen, er wurde übergriffig. Ich habe intuitiv gerufen, dass meine Mama gleich kommt und mit dem Finger Richtung Schwimmbad gezeigt – da ist er weggerannt. Als mich in München mal ein psychisch kranker Mann attackiert hat, hat mir meine Intuition geflüstert, still zu bleiben und auf Hilfe zu warten. In beiden Fällen hätte eine andere Reaktion fatal enden können.
Nutzen Sie Ihre Intuition auch in weniger gefährlichen Situationen?
Natürlich. Vor allem bei der Wahl meiner Projekte. Ich spüre gleich, wenn alles passt. Wenn ich mich fragen muss. „Ja oder nein?“, ist die Antwort meist: „Lass es.“
Lerne die Welt kennen und dadurch dich selbst.
Zuletzt haben Sie mit Musikern wie Bela B. und The BossHoss Songs für Ihr Album „Love Kills“ aufgenommen. Wie haben Sie die Künstler überzeugt?
Wenn man auf ein Ziel hinarbeitet, dann kommt die Energie, die man ins Universum schickt, irgendwann zurück. Ich habe Bela B. und die Jungs von Boss Hoss einfach angeschrieben: „Jungs, ich mache ein Album, hier sind die Songs. Sagt mir ehrlich eure Meinung.“ Sie fanden die Songs gut und hatten Lust zusammenzuarbeiten. Wenn man sich sympathisch ist und die Arbeit des anderen schätzt, funktioniert es meist auch kreativ miteinander.
Doch man kann auch „auf die Schnauze fallen“, wie Sie vorhin sagten. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe in Polen aktuell an einer Musiksendung teilgenommen, in der die Teilnehmer vor einer Jury bekannte Sängerinnen imitieren. Kurz vor meinem ersten Auftritt als Donna Summer, die mehrfache Grammy-Gewinnerin ist, habe ich mich vor lauter Selbstzweifel so gestresst, dass ich total versagt habe – vor etwa einer Millionen Fernsehzuschauern. Aber genau solche Erfahrungen bringen uns weiter und machen uns stärker. Dieses Erlebnis hat mich sehr motiviert, an meiner Schwäche, mir selbst im Weg zu stehen, zu arbeiten. Ich habe ganz pragmatisch sofort einen Motivationscoach kontaktiert und Tag und Nacht gearbeitet. Mit Erfolg.