Tom Öhler: Mit dem E-Mountainbike durch Fjord-Norwegen.
© Martin Bissig
Bike

Zwischen Nordlicht und Granit

Von den Granitplatten am Lysefjord bis zum Nigardsbreen-Gletscher: Hier erzählt der österreichische Trial-Fahrer Tom Öhler, wie er mit seinem E-Mountainbike die südlichen Fjorde Norwegens entdeckt.
Autor: Tom Öhler
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Die Idee für diesen Trip entstand im ­Winter, irgendwo zwischen zwei Lift­stützen in Davos. Ich war mit meiner ­Familie Ski fahren, gerade allein im Schlepplift unterwegs, und mein Kopf ­begann zu arbeiten. Welche Projekte wollte ich dieses Jahr noch umsetzen? Der Gedanke wanderte nach Norden, zu den Lofoten, wo wir drei Jahre zuvor unterwegs gewesen waren. Damals mussten wir auf dem Heimweg den Süden Nor­wegens auslassen, das Land der Fjorde blieb ein weisser Fleck auf der Karte.
DIE TROLLTUNGA ist der wohl spektakulärste Felsvorsprung Norwegens.

DIE TROLLTUNGA ist der wohl spektakulärste Felsvorsprung Norwegens.

© Martin Bissig

Also schrieb ich Martin, Fotograf, Freund und Reisekollege: «Bock auf Fjord-Norwegen?» Seine Antwort kam prompt. Ein Plan war geboren. Je näher der Sommer rückte, desto stärker wurde der Wunsch, das Ganze wirklich durchzuziehen. Wir wollten gemeinsam von Stavanger bis Ålesund reisen: Trails, Fotos, Geschichten. Dann würde Martin heimfliegen und meine Frau Ines mit unserer Tochter Greta dazustossen. Abenteuer und Familienzeit in einer Reise, genau das, was ich nach Wochen voller Shows, Workshops und Shootings brauchte. ­Norwegen sollte die Reset-Taste sein.

Weiter nach Norden

Mit dabei: zwei E-MTBs von Haibike, Kameraausrüstung und ein Packraft. Nur der Kopf brauchte etwas länger, um anzukommen. Funktioniert das wirklich? Darf man mit dem E-Bike an all diese Orte? Ich hatte keine Ahnung. Genau das war der Reiz. Mit jedem Kilometer wuchs die Vorfreude. Der Van rollte nach Norden, ­hinaus aus dem heissen Alltag, hinein ins Unbekannte. Endlich wieder unterwegs!
Quotation
Am Rückweg stehe ich plötzlich an einer Klippe: Der Fels fällt hier hunderte Meter senkrecht ab. Ein Ort, der Ehrfurcht weckt.
Nach der Fähre und ein paar Stunden Schlaf in Kristiansand treffe ich Martin am Flughafen Stavanger. Der Himmel ist blau. Wir starten mit einem Burger und planen den ersten Tag: Richtung Kjerag am Lyse­fjord. Schon die Anfahrt ist spektakulär. Enge Strassen, Tunnel, Serpentinen hinunter nach Lysebotn. Am Abend klart das Wetter auf. Wir starten zur Kjerag-Wanderung. Kein Wind, kein Regen, nur dieses weiche Licht über den Felsen.
Die ersten Meter auf norwegischem Granit fühlen sich magisch an: glatt, grau, eiszeitgeschliffen und erstaunlich griffig. Ich hatte mich gefragt, ob man hier überhaupt fahren kann. Man kann. Und wie! Zwischen nassen Felsplatten und kleinen Bächen suchen wir unsere Lines, filmen, fotografieren. Auf dem Rückweg entdecke ich eine kleine Abzweigung und stehe plötzlich an einer Klippe: Der Fels fällt hunderte Meter senkrecht zum Lysefjord ab. Ein Ort, der Ehrfurcht weckt. Kurz vor Mitternacht rollen wir zurück zum Van. Die Sonne färbt den Himmel rot. Wir schlafen auf dem Hochplateau, ohne Wecker, ohne Plan. Am nächsten Morgen trommelt Regen aufs Dach. Drinnen im Van: Kaffee, Müsli und dieses wohlige Gefühl: draussen grau, drinnen gemütlich.
Küstenort Godøya: Kraft tanken, bevor es hinauf zum Storhornet geht.

Küstenort Godøya: Kraft tanken, bevor es hinauf zum Storhornet geht.

© Martin Bissig

Neben unserem Campspot plätschert ein kleiner Bach, umrahmt von glatten Slickrock-Platten. Perfekt zum Spielen. Ich fahre technische Lines, kleine Hops, Balanceübungen. Als Martin dazukommt, entstehen in kurzer Zeit einige der besten Fotos des Trips. Dann zeigt Norwegen sein anderes Gesicht: Regen, tiefe Wolken, Aufbruch Richtung Trolltunga. Eine der berühmtesten Felsformationen des Landes und normalerweise überlaufen.
Quotation
Norwegischer Granit ist rau und technisch perfekt zum Mountainbiken.
Wir kommen spät, der Weg gehört fast uns allein. Der Aufstieg ist eine Mischung aus fahrbaren Abschnitten, Slickrock und kurzen Tragepassagen. Oben liegt die Trolltunga fast leer im Nebel. Kurz reisst er auf und gibt den Blick auf den türkisfarbenen See Ringedalsvatnet frei. Diese Mischung aus Stille, Weite und wechselndem Licht ist pure Magie. Wir fahren ein paar Lines, ein Sprung über die Kante, nichts Wildes, aber genau richtig für diesen Ort. Die wenigen Wanderer, die da sind, bleiben stehen, lachen, filmen. Norwegen eben, offen, respektvoll, ein bisschen verrückt. Der Rückweg im Abendlicht ist episch. Gegen 23 Uhr erreichen wir den Van und gönnen uns eine Dusche. Am nächsten Tag fahren wir weiter Richtung Nigardsbreen, einem Ausläufer des grössten Gletschers auf dem europäischen Festland. Der Nigardsbreen wirkt wie ein schlafender Riese aus Eis. Ich lade mein Bike auf das Packraft und paddle über den türkisfarbenen See. Am anderen Ufer verstecke ich es dann für den Morgen.
Die letzten Kilometer führen durch die maritime Küstenstadt Ålesund.

Die letzten Kilometer führen durch die maritime Küstenstadt Ålesund.

© Martin Bissig

Granit, Fjordblick und rauer Naturstein in Kjerag hoch über dem Lysefjord.

Granit, Fjordblick und rauer Naturstein in Kjerag hoch über dem Lysefjord.

© Martin Bissig

Am Rand des Gletschers

Kurz nach sechs starten wir wieder. Am Fuss des Gletschers liegen endlose Slick­rock-Flächen, freigelegt vom zurückweichenden Eis. Der Grip ist perfekt, ­solange alles trocken ist. Wir fahren ­zwischen Fels und Eis, drehen ein paar Drohnen-Aufnahmen. Die letzte Etappe führt nach Ålesund. Tunnel, Brücken, Fjorde, es ist eine Fahrt durch Norwegens Seele. Auf der Insel Godøya wartet zum Abschluss ein Trail auf dem Storhornet mit Blick über Meer und Stadt. Ein würdiges Finale. Am Abend sitzen wir bei Sushi, ­lachen und schauen unsere Fotos durch. Dann fliegt Martin heim. Ich bleibe, putze den Van und warte auf Ines und Greta. Ich bin losgefahren, um der Hitze zu entkommen, und fand die Magie Norwegens. Und Ruhe. Diese Reise war mehr als ein Bike-Trip. Sie war die Erinnerung daran, wie frei man sich fühlen kann, wenn man einfach losfährt.

Travel-Tipps

Wie du hinkommst: Mit dem Fahrzeug per Fähre (meist ab Hirtshals, Dänemark) oder über den Landweg via Schweden (Brückenverbindungen). Mit dem Flugzeug: ­üblicherweise nach Stavanger oder Bergen (Mietwagen vor Ort).
Beste Reisezeit: Hauptsaison Juni bis August (stabile Wetterlage, lange Tage). Nebensaison Mai und September (weniger Tourismus, aber kühler und wechselhafter).

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Tom Öhler

Sein Vater war begeisterter Rallye- und Motorradfahrer und so wurde Tom die Begeisterung für (fast) alles, was Räder hat, schon in die Wiege gelegt.

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