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1988: Berlin? Nicht der Rede wert!
Nicht der Rede wert! So lautete mein erstes Urteil über das Berliner Nachtleben. Das war 1988 und ich als 21-jähriger Frankfurter in Berlin zu Besuch. Ironie der Geschichte, dass ich heute darüber schreibe.
All das, was den Fame des Nightlife im Berlin der 80er ausmachte – und so hervorragend von Mark Reeder in der 2015 erschienenen Doku „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989“ dokumentiert wurde – war bereits 1988 am Abebben. Im legendären Dschungel in der Nürnberger Straße in Schöneberg war, als ich ihn damals bei meinem Besuch betrat, exakt gar nichts los. Dabei war ich extra an einem Wochentag gekommen, an dem angeblich die „wirklich guten“ Leute kommen sollten. Das musste wohl ein paar Jahre vorher gewesen sein.
Also setzte ich meine Tour durch die Berliner Nacht fort. Die berühmten Stätten des Punk und New Wave präsentierten sich mir zwar etwas dreckiger und verschmierter als ihre Pendants in Westdeutschland und die Leute waren ein bisschen kaputter, aber viel los war auch hier nicht. Immerhin führte mich mein einheimischer Begleiter irgendwann in eine skurrile Location, die mir als „typisch Berlin“ angepriesen wurde: Ich landete im allerersten UFO. Durch ein Loch im Fußboden einer Privatwohnung musste man eine Leiter hinabsteigen. Im Keller lief Acid House zu wild flackerndem Strobo. Kapazität: circa 30-50 Leute. Als man aus dem Loch wieder hinauskrabbelte, waren die Klamotten eingesaut. Ein Wegweiser ins Berlin der Neunziger!
In Frankfurt, wo ich zu der Zeit noch lebte, hatte 1988 gerade das Omen eröffnet. Es war damals der Prototyp einer High-Tech-Discothek. Das Geschehen in Berlin war im Vergleich dazu der totale Kontrast. Westberlin kam mir vor wie ein Ausflug in ein Dritte-Welt-Land, gefiel mir aber irgendwie auch nicht schlecht. Zurück in Frankfurt lästerte ich trotzdem über die unfassbare wirtschaftliche Armut in der Mauerstadt, die, gemessen an den technischen Standards der Main-Metropole, völlig zurückgeblieben war.
1989: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Kurios mag es aus heutiger Sicht erscheinen, dass ich im September 1989 trotzdem zum Studieren nach Berlin zog. Auch, weil ich das Frankfurter Nachtleben dem BWL-Studium an der Goethe-Universität zu häufig vorgezogen hatte. In Berlin wollte ich nun mit Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation etwas probieren, was mir eher lag. In dem Bewusstsein, dass hier nightlifetechnisch eh nicht viel geboten war, widmete ich mich im ersten Jahr tatsächlich mit voller Energie dem Studium.
Während andere einen studentischen Nebenjob hatten, machte ich das Frankfurter Szenemagazin Frontpage als Redakteur und Chef vom Dienst weiter. Ich verbrachte viele Nächte in Desktop-Studios, wo ich mit Grafikern alle Inhalte zu einem Heft zusammenbaute. Den Mauerfall blendete ich praktisch aus, weil ich mich nicht als „echter Berliner“ fühlte und er mich irgendwie nicht betraf.
Erst nach und nach lernte ich die Stadt kennen und merkte schnell, dass ein zentraler Ort für interessante Entwicklungen das Fischbüro war. Die Macher waren dieselben wie die des ersten UFO: Dimitri Hegemann und Achim Kohlberger. Dort gab es das sagenumwobene „Space Beer“ und Radio Mars, ein DJ-Pult hinter einer Kasperle-Theaterkulisse. Hier legten viele auf, die später eine große Rolle spielen sollten: Tanith, Clé, Rok, Jonzon, Kid Paul, Dr. Motte. Letzteren lernte ich dort kennen und er bot mir an, bei der Loveparade mitzumachen. Nicht ohne Kalkül, wusste er doch, dass das Magazin Frontpage bundesweit vertrieben wurde und man über das Heft auch die aufkeimenden House-Szenen anderer Städte erreichen konnte.
Derweil kam international die Techno-House-Revolution in die Gänge: Eine neue Art von Musik entstand. Aus Belgien, New York, Holland und England kam auf einmal Musik, die sowohl Industrial-Klänge als auch House-Elemente vereinte und die kurzerhand Techno-House genannt wurde.
Prägender Track war D-Shakes „Yaaah“ – quasi das Motto des Zeitgeistes. Die Mauer war weg, Weltfrieden schien möglich, ein neuer Sound war da, und zwar jede Woche mit immer neuen Platten. Einer der spannendsten Orte der Stadt wurde der Hardwax Recordstore in der Reichenberger Straße in Kreuzberg. Hier drängelten sich alle DJs von Rang um das Importfach, wo der strenge DJ Rok (Jürgen Rokkita) über die Verteilung wachte.
1990: UFO, Atonal und Tekknozid
Ansonsten gab es 1990 das zweite UFO in den Räumen eines ehemaligen Penny-Supermarkts in Schöneberg, das durch die neuen Gäste aus dem Osten einen gewissen Zulauf bekam. Hier hatte Tanith mit Cyberspace eine stilbildende Veranstaltung, bei der ich erstmals die Deko der legendären Elsa Wormack (Elsa for Toy) sah.
Ein Meilenstein war das Atonal Festival 1990 im Künstlerhaus Bethanien. Jeder der Anwesenden spürte, dass hier etwas Neues in der Luft lag. Acts wie 808 State, Greater Than One, Consolidated, Cosmic Baby und Baby Ford spielten sehr unterschiedliche neue Musik. Zu diesem Zeitpunkt war höchst unklar, in welche Richtung bzw. Richtungen sich alles entwickeln würde. Das Lineup war ein bunter, zukunftsweisender Mix. Das Atonal war eine Vorschau auf das kommende Jahrzehnt.
Doch auch in Ost-Berlin gab es etwas Neues: Tekknozid. „WolleXDP“ Neugebauer organisierte die ersten Raves in ehemaligen DDR-Locations wie dem Haus der jungen Talente, einem Klubhaus für DDR-Jugendliche, dem Industriegebäude des VEB Elektrokohle in Lichtenberg und dem Prater im Prenzlauer Berg, dem ältesten Biergarten der Stadt. Die Ost-Locations hatten eine Kapazität von bis zu 1500 Personen, bestückt mit feinster Technik in Sachen Bass. Das Tekknozid-Publikum waren vor allem Ost-Kids, die die friedliche Revolution feierten und mit Tekkno – mit Doppel-k – ihre erste eigene authentische Jugendkultur zelebrierten. Die Partys waren so toll, dass sie sich in der ganzen Stadt rumsprachen und auch Gäste aus dem Westen anzogen.
Im Westen gab es nach der Wende hingegen wenig Neues. Das zweite UFO in Schöneberg schloss am 31. Dezember 1990 – und zwar nicht unbedingt wegen ständiger Überfüllung. Ab Anfang 1991 gab es Gerüchte: Ein neuartiger Club sollte eröffnen. Direkt an der Grenze des ehemaligen Todessstreifens. Einen, wie man ihn angeblich noch nie zuvor gesehen hätte.
1991: Tresor und die Folgen
Im März 1991 eröffnete der Tresor. Im Schließfachraum im Keller der ehemaligen Wertheim-Bank entstand nahe des Leipziger Platzes das Sinnbild von Techno in Berlin. Der Tresor war in vielerlei Hinsicht ein Prototyp für Berliner Clubs und bis heute prägend für die gesamte Clublandschaft der Stadt. Dimitri Hegemann und seine Tresor-Crew führten das Prinzip der temporären Zwischennutzung leerstehender Gebäude im Berliner Osten ein. Dabei waren die Eigentumsverhältnisse oft ungeklärt. Für den Tresor erhielten sie zunächst einen befristeten Mietvertrag als Kunstgalerie.
Die Verhältnisse waren wild, das gastronomische Konzept, gelinde gesagt, nicht besonders elaboriert. Freunde durften frei saufen, fast alle waren Freunde, die Stimmung war sensationell. Die Klamotten hinterher wieder eingesaut, aber es war egal. Längst auch mir, wie groß war doch die Freiheit und der Spaß im Gegensatz zum discoartigen Frankfurter Nightlife mit seinen One-Point-Cash-Karten und Regularien!
Das Stroboskop-Gewitter des Tresor war außerdem die perfekte Kulisse für eine Vereinigung junger Leute aus den beiden ehemaligen deutschen Staaten. Bei 130 BPM im Trockeneisnebel war es nämlich wirklich egal, woher man kam. Viele Tresor-Gänger haben dort erstmals Leute aus dem jeweils anderen Teil der Stadt kennengelernt.
Dem Beispiel des Tresor folgten schnell weitere Clubs: Der Planet und der Walfisch in der Köpenicker Straße waren sehr früh da, es folgten der Bunker, das Elektro, das WMF und viele andere. Heute gibt es Führungen durch die Stadt entlang der vergessenen Off-Locations für Touristen, Zeitzeugen und Spätgeborene. Vielleicht sollte ich mal eine mitmachen.
Begünstigt wurde die Entwicklung des Berliner Nachtlebens durch das Nichtvorhandensein einer Sperrstunde – es durfte unbegrenzt gefeiert werden. Da die Polizei im Osten dank des Umbruchs und der Umstrukturierungen zur Wendezeit viele andere Aufgaben und Probleme hatte und viele Zuständigkeiten nicht geklärt waren, machte ihre weitgehende Abwesenheit die Freiheit perfekt. Was für die Berliner Clubs galt, galt für die gesamte Kreativszene. Ateliers, Galerien, Studios – in den ehemaligen Locations des Ostens ließ sich Kreativität ausleben. Diese Freiräume prägten über Jahre das Image von Berlin und machten es zum Magneten für die Kreativszene.
Loveparade 1991: der„German Summer of Love“
Seit 1991 war ich Teil der Loveparade-Crew. Motte, Sandra Molzahn und Kati Schwind hatten mich und Ralf Regitz (Planet, E-Werk) ins Team aufgenommen, um die Veranstaltung zu professionalisieren. Regitz war für die Durchführung der Party zuständig, ich für die nationale Promotion. Dieser Aufgabe kam ich mit aller Energie und der Hilfe von Frontpage nach. Alex Azary (heute Direktor des gerade entstehenden Frankfurter Museum of Electronic Music MOMEM) organisierte mit Mark Spoon, Sven Väth, Talla 2XLC und anderen Frankfurtern ein Lovemobil. Der Macher des Low Spirit-Labels und spätere Loveparade-Gesellschafter Wilhelm Röttger hatte eine Connection zum nahe Köln ansässigen Space Club, in dem damals Mate Galic (heute CEO von Native Instruments) federführend war und einen Kölner Wagen organisierte. Clubs aus anderen Städten organisierten zwar noch keine Wagen, aber ihre Macher waren da, waren inspiriert – und geflasht.
Alle 6000 Teilnehmer waren sich einig: Das hier war der Beginn von etwas ganz Großem. Die Geburtsstunde der deutschen Technoszene. Das Event wurde international wahrgenommen, die damals weltweit führenden britischen Trend- und Musikmagazine Face und i-D waren ebenso vor Ort wie der Musikfernsehsender MTV. Sie berichteten über das neue wilde Berlin und dichteten den „German Summer of Love“ herbei.
Nicht nur die Parade war legendär, auch die darauffolgende Party. Bei der von der Loveparade-Crew ausgerichteten „Love Nation Party“ in der Halle Weißensee spielte die Crème de la Crème der deutschen DJs zur Einheitsgage von 200 DM. Das sollte es später so nie wieder geben. Rückblickend betrachtet markiert dieses Wochenende den Startschuss des Berliner Nightlife-Tourismusprogramms, von dem heute eine ganze Industrie lebt.
Der Autor Jürgen Laarmann war von 1989-97 Herausgeber des ersten deutschsprachigen Techno-Magazins Frontpage. Er war Mitveranstalter der Loveparade (1991-97), Gründer und Veranstalter der Mayday Raves (1991-97) und ist heute Macher des Podcasts 1000tagetechno.de.
Mehr Podcasts über Berlin und Techno: In unserer Podcast-Reihe "Berlin Zwanzig" findest Du 20 Jahre Berliner Musikgeschichte in 20 prägenden Songs.
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