Makatea ist ein „gehobenes Atoll“, eines von zwei Dutzend weltweit.
© Jérémy Bernard
Klettern

Paradies im Wandel

Früher war die Insel MAKATEA die Hölle. Heute ist das Südsee-Atoll in Französisch-Polynesien der vermutlich außergewöhnlichste Ort der Welt für eine anspruchsvolle Kletterpartie.
Von: Patricia Oudit
7 min readPublished on
Vorigen Sommer, an einem Morgen Anfang Juni, verdreifachte sich die Einwohnerzahl von Makatea auf einen Schlag. Ein Frachtschiff hatte eine bunte Truppe mit hunderten Kletterern in achtstündiger Fahrt aus dem 220 Kilometer südwestlich gelegenen Tahiti herübergebracht, was die 105 Einwohner der Insel von einer Stunde zur anderen zur Minderheit machte.
Der Grund für die Invasion hieß „Makatea Vertical Adventure“ – ein Projekt, das eine ganz spezielle Erfahrung verspricht: Klettern auf feinstem, beinahe unberührtem Kalkstein, der wie die Mauer einer Festung 60 Meter senkrecht aus dem Strand der 24 Quadratkilometer großen Südseeinsel emporragt. Diese doch recht ungewöhnliche Topografie ist Folge einer geologischen Besonderheit: Makatea ist eines von knapp zwei Dutzend Atollen weltweit, die sich aufgrund von tektonischen Plattenverschiebungen im Erdinneren vor Millionen Jahren aus dem Ozean erhoben haben. Durch die Anhebung ist der Teil, wo sich bei normalen Atollen die Lagune befindet, trockengefallen. Deshalb wirkt das Atoll von oben betrachtet wie eine nierenförmige Insel.
Einer jener Menschen, denen Makatea seine neue Bestimmung als Kletterparadies zu verdanken hat, ist Erwan Le Lann. Der 47-jährige Franzose ist genau der Typ, von dem man solche Ideen erwartet. Er ist Abenteurer, Bergsteiger, Extremskifahrer – kurz: ein adrenalingeprägter Lebenskünstler. Le Lann befindet sich auf einer auf vier Jahre angelegten Weltumsegelung an Bord der elf Meter langen „Maewan“, die sich inzwischen zu einer Art „Basecamp für Weltenbummler“ entwickelt hat.
Vor acht Monaten kam er zufällig hier vorbei. Zwei Dinge waren es, die Capt’n Le Lann und seine Passagiere, die französischen Highliner Nathan Paulin und Antony Newton, dazu veranlassten, vor Anker zu gehen. Erstens die pittoreske Kulisse im örtlichen Hafen Temao: rostige Förderanlagen vor Lokomotiven, die schon vor Jahrzehnten ihren letzten Schnaufer getan hatten, zart überwachsen von der Natur, die dabei ist, verlorenes Terrain zurückzugewinnen – der ideale Spielplatz, um Slacklines zu spannen und ein paar wirklich aufsehenerregende Fotos für die sozialen Medien zu machen.
Und zweitens die 16 Kilometer lange Kalkstein-Steilwand – bei diesem Anblick konnte der Bergführer Erwan Le Lann nicht widerstehen, das musste er sich genauer ansehen. Es stellte sich dann heraus, dass er nicht der Erste war, der den Reiz des ab- gelegenen Atolls für die Kletterszene entdeckt hatte. Der Pole Maciek Buraczyński war schon 2018 auf die zauberhaften Kalkfelsen in der Südsee gestoßen. Und Heipatu Mai, Sohn des Bürgermeisters von Makatea, hatte bereits den Kletterverein „Makatea Escalade“ gegründet.
Der Hafen von Temao. Früher wurde hier das Phosphat verladen.

Der Hafen von Temao. Früher wurde hier das Phosphat verladen.

© Jérémy Bernard

Aber Tausendsassa Erwan war es, der der Sache dann noch einmal tüchtig Schub gab. Einerseits verschafften die Bilder der beiden Highliner Makatea unerwartete Aufmerksamkeit. Andererseits ist Capt’n Le Lann in der Szene bestens vernetzt. Also rief er die Schweizer Profi-Kletterin Nina Caprez an und begeisterte sie für das Projekt. Sie kümmerte sich in der Folge um Sponsoren, sammelte Material und trommelte Kletterer aus aller Welt zusammen, um sie später zur Gestaltung der Kletterrouten in die Südsee zu verfrachten. Und sie gewann Foto-Topograf Guillaume Vallot zur Erstellung der Kartografie sowie zum Verfassen eines Kletterführers. Alles in allem eine Aktion, die gut ein halbes Jahr in Anspruch nahm.
Rund um das Haus des Einheimischen Francky Vairaaroa in Moumu im Osten der Insel entstand zwischen Kokospalmen ein improvisiertes Camp der Zugereisten, die jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang an der Einrichtung von Kletterrouten arbeiteten. Nach und nach nimmt so eine Vision Gestalt an: eine nachhaltige, grüne Zukunft für die Insel in Form von Öko-Sport-Tourismus – immerhin ist „Makatea Vertical Adventure“ das erste natürliche Klettergebiet in Polynesien. Darüber hinaus ist hier nicht nur das Klettern paradiesisch, sondern auch das Tauchen und das Wandern in einem weitgehend noch intakten Urwald.
So pfleglich wurde Makatea noch selten behandelt. Die verrosteten Industrieanlagen sind stumme Zeugen einer Zeit, in der Phosphatabbau die wesentliche Einnahmequelle war. Der Hintergrund: Gehobene Atolle sind für die hochprofitable Gewinnung von Phosphat, das vor allem für Dünger, aber auch zur Herstellung von Sprengstoffen gebraucht wird, geradezu ideal. Phosphat entsteht nämlich aus dem Kot von Seevögeln, der im Zusammenwirken mit Kalkstein zu dem begehrten Guano wird.
Sechs Jahrzehnte lang – von 1906 bis 1966 – baute die Compagnie française des phosphates de l’Océanie hier Phosphat ab – auf Teufel komm raus. Elf Millionen Tonnen in sechzig Jahren. Der Bergbau machte einige wenige sehr reich, für alle anderen war er die Hölle. „Es war eine reine Sträflingsarbeit“, erinnert sich Francky Vairaaroa, 72, der Gastgeber des Kletterer-Camps. „Je mehr Schubkarren wir heranschafften, desto mehr verdienten wir.“
Einerseits brachte der Phosphatabbau Komfort und Infrastruktur auf die Insel – es entstanden ein Krankenhaus, ein Kino, Restaurants und Geschäfte, sogar ein Tennisplatz. Zu seiner besten Zeit hatte Makatea 3600 Einwohner. Andererseits hinterließ der Raubbau hässliche Narben in der Umwelt. Weite Teile der Insel sehen heute aus wie eine groteske Mondlandschaft: eine Wüste aus tiefen Löchern.
Pot holes nennt man sie, herus in der Landessprache – aus ihnen wurde einst das Phospat gewonnen. 1966 endete der Spuk dann abrupt: Der Phosphatabbau wurde von einem Tag auf den anderen eingestellt, die Bevölkerung aufgefordert, die Insel binnen zwei Wochen zu räumen. Man plane in naher Zukunft Atomtests.
Gottlob wurde dann daraus nichts. Trotzdem blieben nur eine Handvoll Menschen auf Makatea zurück. Sie nahmen das Leben ihrer Vorfahren wieder auffischen, jagen, Kokosnüsse ernten. Nur ein einziges Lebensmittelgeschäft überlebte.
Erwan Le Lann mit der Hälfte der Schulkinder der Insel.

Erwan Le Lann mit der Hälfte der Schulkinder der Insel.

© Jérémy Bernard

In letzter Zeit schickte sich das alte Gespenst an, wieder zurückzukehren. In Makatea geisterte das Gerücht herum, es gebe Begehrlichkeiten, das auf der Insel verbliebene Phosphat – die Rede ist von sechs Millionen Tonnen – zu verwerten. Tatsächlich: Der australische Industrielle Colin Randall hat bei Bürgermeister Julien Mai – er amtiert seit 1995 – diesbezüglich Interesse angemeldet.
Während Mai sich noch den Kopf darüber zerbricht, ob man so etwas nicht doch hinbekommen könnte, gibt es in der Bevölkerung erbitterten Widerstand. Sylvanna Nordman Haoa, Vorsitzende einer Umweltschutzgruppe, und ihre Mitstreiterinnen Elie Poroi und Dany Pittman etwa wollen das Vorhaben unter allen Umständen verhindern. „Aus Erfahrung wissen wir“, sagt Sylvanna, „dass Bergbauprojekte letztlich nur Zerstörung bringen.“
Der Preis, den Makatea in der Vergangenheit be- zahlt hat, sagen die drei, sei ohnehin schon viel zu hoch gewesen. Sylvanna zum Beispiel hat 1965 ihre kleine Schwester verloren – sie starb im Alter von nur sechs Monaten. „Damals war es üblich, dass alle paar Tage ein Kind starb“, erzählt sie. „Allein im Jahr 1960 verstarben von 130 Babys 30! Die Behörden schoben das damals auf eine Durchfall-Epidemie.“
Obwohl der Grund für die Todesfälle nie wirklich geklärt wurde, glaubt Sylvanna, dass das Gesundheitsrisiko wohl von dem vielen Phosphatstaub in der Luft ausging: „An manchen Tagen gab es so viel davon, dass man das Dorf kaum sehen konnte.“
Dabei ist es ja nicht so, dass es keine bekömmlichere Alternative zum Phosphatschürfen gäbe. „Makatea könnte zum Gemüsegarten für die benachbarten Atolle werden“, erklärt Sylvanna mit leuchtenden Augen. „Wir haben alles, was nötig ist, um 3000 Menschen auf kurzen Wegen mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen.“
Der Boden auf Makatea sei aufgrund des enthaltenen Phosphats überaus fruchtbar, alles wächst hier in Hülle und Fülle, das wiederum schaffe eine Menge Arbeitsplätze. „In den Löchern der pot holes“, schwärmt Sylvanna weiter, „könnte man Bambus anbauen, um daraus Baumaterial herzustellen.“
Nina Caprez und ihr Kollege Aymeric Clouet, ein Bergführer aus Chamonix, sind eben dabei, einen Haufen Material zum Fels zu schleppen: Seile, Klemmen, Schlagbohrer, um Haken zu setzen und Standplätze zu bauen. Die beiden sind ganz auf der Seite von Sylvanna Nordman Haoa: „Dieses Juwel“, sagt Aymeric, „muss unbedingt bewahrt werden.“ Um dann euphorisch hinzuzufügen: „In Sachen Klettern birgt die Insel geradezu unerschöpfliches Potenzial. Das ist der Wahnsinn, bis jetzt haben wir vielleicht gerade einmal ein Prozent erschlossen.“
Nina ergänzt: „Wir haben die Routen so angelegt, dass für jeden etwas dabei ist – ab dem 4. Schwierigkeitsgrad bis zu 10+ ist alles vertreten.“
Kurze Pause, dann folgt eine ganz persönliche Anmerkung: „Für mich ist diese Erfahrung jenseits von allem, was ich mir je hätte träumen lassen. Zumal auch die Begegnungen mit den Einheimischen sehr intensiv ist. Wir haben das Gefühl, willkommen und nicht etwa Eindringlinge zu sein.“
Aber ist das Kletterparadies nicht ein bisschen gar weitab vom Schuss? Schon, aber das müsse ja nicht unbedingt ein Nachteil sein, meint Erwan Le Lann. So haben die Einwohner die Möglichkeit, die Anzahl der Besucher, die sie verkraften können, selbst zu steuern.
Und Kletterer, die der mühsame und auch nicht ganz billige Weg nach Makatea nicht abschreckt – der Flug nach Tahiti kostet grob gerechnet 1500 Euro pro Person, dazu kommt noch die achtstündige Schiffsreise, denn auf Makatea gibt es keinen Flughafen –, werden dem Naturjuwel bestimmt auch mit entsprechender Demut begegnen.
Das Bewusstsein hingegen, in der Südsee Klettern gewesen zu sein, ist sowieso unbezahlbar.
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