Screenshot aus Marathon zeigt die Triage Runner Hülle.
© Bungie
Gaming

Marathon im Test: Ein Extraction-Shooter, der sich erst entfalten muss

Mit Marathon will Bungie Wiedergutmachung leisten. Das Ergebnis ist ein Extraction-Shooter im Stile von ARC Raiders, der erstaunlich gut funktioniert, aber auch lange braucht, um Fahrt aufzunehmen.
Autor: Phil Briel (@nophilterde)
6 min readPublished on
Bungie kehrt mit Marathon zu seinen Wurzeln zurück und liefert einen PvPvE-Extraction-Shooter ab, der anfangs gehörig frustrieren kann, aber nach einigen Stunden zu einem der spannendsten Multiplayer-Erlebnisse des Jahres heranreift. Wer bereit ist, die steile Lernkurve zu überwinden, bekommt hier ein ziemlich spannendes Sci-Fi-Geflecht, das es durchaus mit Genre-Platzhirsch ARC Raiders aufnehmen kann.
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Worum geht's in Marathon?

Marathon ist der neue PvPvE-Extraction-Shooter von Bungie, dem Studio hinter Halo und Destiny. Der Multiplayer-Titel spielt in einer fernen Zukunft auf dem Planeten Tau Ceti IV. Ihr schlüpft in die Rolle eines sogenannten „Runners". Einem menschlichen Bewusstsein in einer kybernetischen Hülle, das eine verlassene Kolonie im Auftrag unterschiedlicher Konzerne und Fraktionen plündert.
Screenshot aus Marathon

Marathon kombiniert Sci-Fi mit Fantasy

© Bungie

Das Prinzip ist simpel und bleibt dabei den Genre-Standards treu: Auf einer von drei großen Maps landet ihr allein, im Duo oder als Dreier-Team, sammelt Loot, erledigt Aufträge, bekämpft KI-Feinde und andere Spielerteams und versucht, an einem Extraktionspunkt zu entkommen. So simpel das auf dem Papier klingen mag, so komplex gestaltet sich dieses Unterfangen mitunter im Gameplay. Besonders, weil Marathon einem den Einstieg nicht leicht macht.
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Bungies Kernkompetenz: Das Gameplay überzeugt

Eines macht Marathon von der ersten Minute an klar: Bungie weiß, wie man Shooter baut. Das Gunplay zählt zum Besten, was das Genre aktuell zu bieten hat. Wuchtig, intensiv, präzise. Sämtliche Waffen, ob futuristische SMG, Railgun oder Snipergewehr, fühlen sich durchschlagskräftig an, haben satte Sounds und hervorragendes Trefferfeedback. Die kurze TTK sorgt für intensive, taktische Gefechte, die lang genug dauern, um den Puls in die Höhe zu treiben. Aber nicht so lang, dass sie zäh werden. Das Waffenarsenal ist dabei vollständig modular: jede Waffe kann durch Mods aufgewertet werden, die ihr im Feld oder im Armory-Shop freischaltet,
Screenshot aus Marathon

Marathon setzt auf intensives Gameplay

© Bungie

So ergibt sich ein smartes und äußerst motivierendes Upgrade-System. Und genau das ist bei einem Extraction-Shooter oftmals das Zünglein an der Waage, das die Langzeitmotivation hoch hält. Hier spielt Marathon zweifellos seine Stärken aus.
Neben der reinen Action ist das Fraktionssystem eines der stärksten Design-Elemente in Marathon. Verschiedene Konzerne wie CyberAcme oder die radikale Anarchistengruppe MIDA schicken euch auf Aufträge, für deren Abschluss ihr Reputation und Belohnungen erhaltet. Mit steigendem Ansehen schaltet ihr Upgrade-Bäume frei, die echte Spielvorteile bringen. Von einem größeren Tresor über bessere Loot-Raten bis hin zu reduzierten Überhitzungszeiten beim Sprint. Das Wichtigste dabei: Ihr verdient Fraktionspunkte für nahezu alles. Vom Looten und Kämpfen bis hin zum Extrahieren. Und macht damit selbst bei verlorenen Runs Fortschritte.
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Shells: Sechs Klassen für jeden Spielstil

Marathon bietet aktuell sechs spielbare Runner-Klassen (sogenannte Shells), die jeweils unterschiedliche Fähigkeiten und Rollen mitbringen:
  • Destroyer – Klassischer Tank mit Raketenwerfer und Schutzschild
  • Recon – Aufklärer, der per Echo-Puls Feinde in der Umgebung markiert
  • Triage – Medic, der Teamkollegen mit Heil-Drohnen unterstützt
  • Assassin – Nutzt Unsichtbarkeit für taktische Überraschungsangriffe
  • Vandal & Thief – Bewegungsstarke Klassen mit erhöhter Mobilität
Allein das ist ein Alleinstellungmerkmal des Multiplayer-Shooters, durch den sich Marathon angenehm von der Konkurrenz wie ARC Raiders oder Escape from Tarkov abhebt.
Screenshot aus Marathon

Marathon

© Bungie

Jede Shell besitzt eine Tactical-Fähigkeit für den Alltag und eine mächtige Primary-Fähigkeit (vergleichbar mit einem Ultimate), die Gefechte entscheidend wenden kann, aber lange Abklingzeiten hat. Das macht Klassenkombinationen im Team zu einem echten strategischen Element, durch das sich Marathon stellenweise wie ein MMO-Shooter anfühlt. Eine willkommene Abwechslung.
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Der Einstieg bleibt zäh

Marathon hat allerdings ein großes Problem. Insbesondere die ersten Spielstunden sind derart zäh, dass sich viele Genre-Neulinge abgeschreckt vom Spiel abwenden könnten. Marathon ist kein Wohlfühl-Spiel für Einsteiger. Das Tutorial erklärt nur die Grundlagen, wichtige Mechaniken wie die Klassenunterschiede müssen im Feld erlernt werden.
Screenshot aus Marathon zeigt Gameplay aus einer Waldlandschaft

Marathon sieht beeindruckend aus

© Bungie

Hinzu kommt ein Benutzerinterface, das zu den unübersichtlichsten im Genre zählt. Ganz allgemein kommt Marathon derart durchgestylt daher. Das muss man zweifellos mögen. Kleine, schwer unterscheidbare Symbole, träge Menüs und fehlende Kontextinformationen sorgen anfangs für Verwirrung. Marathon ist zweifellos ein Spiel, in das man sich reinhängen muss. Durchbeißen, dranbleiben und dann... dann irgendwann, nach gut 10-15 Spielstunden, macht es endlich Klick. Besonders empfehlenswert ist es, Marathon im festen Duo- oder Dreier-Team zu spielen, was die Spielspaßkurve deutlich nach oben zeigen lässt und Frustmomente abschwächt.
Marathon setzt grafisch zudem auf einen unkonventionellen, futuristischen Stil. Sterile Architektur mit klaren Linien, knallige Farben und fast schon überzeichnete Licht- und Videoeffekte gehen hier Hand in Hand. Und daran scheiden sich zweifellos die Geister: Ob dieser Stil gefällt, ist Geschmackssache, aber er hebt sich klar von anderen Sci-Fi-Shootern ab und sorgt für ein unverwechselbares visuelles Erscheinungsbild.
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Das Kern-Gameplay im Detail

Jede Runde in Marathon beginnt mit einer einfachen, aber folgenreichen Entscheidung: Welche Shell wählst du, welche Waffen packst du ein und welche Map wählst du für deinen nächsten Run? Denn alles, was du mitbringst, kannst du verlieren. Und alles, was du erbeutest, gehört dir nur, wenn du auch lebend extrahierst. Risiko trifft Belohnung. Kein Novum, sondern eher die Grundprämisse des Genres, die das Game ausgezeichnet beherrscht.
Screenshot aus Marathon

Wer dran bleibt, wird mit packendem Gameplay belont

© Bungie

Nach dem Einsprung landet dein Team auf einer der drei großen Maps und verfolgt von Beginn an ein konkretes Ziel: Contracts abschließen, Loot sammeln und lebend entkommen. Contracts sind Aufträge der verschiedenen Fraktionen, die dich zu spezifischen Orten schicken. Ewa zum Hacken von Terminals, zum Bergen bestimmter Gegenstände oder zum Eliminieren feindlicher Runner. Diese Aufträge sind der rote Faden eines jeden Runs und sorgen dafür, dass du die Maps zielgerichtet erkundest, anstatt planlos umherzuirren.
Die Spannung entsteht dabei vor allem durch das PvPvE (Player-vs-Player- und Player-vs-Environment)-Gameplay, das für permanente Adrenalinschübe sorg. Die UESC-Roboter, die auf jeder Map patrouillieren, sind keine bloße Kulisse: Sie flankieren, werfen Granaten, nutzen Fähigkeiten wie Unsichtbarkeit und koordinieren sich wie echte Spieler. Zweifellos eine der besten Gaming-KIs der letzten Jahre, gerade im Multplayer-Bereich.
Genau hier liegt eine der subtilsten Design-Entscheidungen von Bungie: KI-Feinde und echte Spieler sind anfangs kaum voneinander zu unterscheiden. Robots ahmen das Verhalten von Runnern nach, rufen ähnliche Kommandos, flanken wie Teams und setzen Fallen. Das ist bewusst so gestaltet, um jedem Kontakt sofortige Ernsthaftigkeit zu verleihen.
Marathon verfügt zudem über Proximity Voice Chat, der es erlaubt, mit anderen Teams auf der Map in Kontakt zu treten. Waffenstillstände, temporäre Zweckbündnisse oder auch gezielte psychologische Kriegsführung sind damit möglich. Aber, und das ist beeindruckend, selbst die KI-Gegner nutzen diese Funktion.
Screenshot aus Marathon

Freund oder Feind? Der Gameplay-Loop ist packend.

© Bungie

Das Herzstück des Gameplays ist das klassische Extraction-Prinzip mit hohem Risiko-Belohnungs-Faktor: Nur wer einen Extraktionspunkt erreicht und die Wartezeit am Beacon überlebt, behält seine gesammelten Items. Wer stirbt, verliert alles im Inventar. Dieses Prinzip verleiht selbst langweiligen Routineläufen eine unterschwellige Spannung, da das Ergebnis bis zur letzten Sekunde offen bleibt.
Insgesamt funktioniert das Kern-Gameplay von Marathon wie ein gut geöltes Uhrwerk aus Spannung, Verlustangst und Belohnungsdopamin. Jeder Run erzählt eine eigene Geschichte, und genau das bindet langfristig ans Spiel.
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Für wen lohnt sich Marathon?

Marathon ist ein technisch herausragender Extraction-Shooter, der Geduld belohnt. Wer das Genre mag und bereit ist, sich durch einen holprigen Einstieg zu kämpfen, findet hier eines der intensivsten und taktisch reichhaltigsten Multiplayer-Erlebnisse, die Bungie je entwickelt hat . Das Gunplay ist erstklassig, das Fraktionssystem motiviert nachhaltig und spannende Matches liefern Herzrasen pur.
Wer hingegen sofortiges Spielspaß-Feedback und eine zugängliche Oberfläche erwartet, könnte in den ersten Stunden frustriert aufgeben. Langfristig wird entscheidend sein, wie konsequent Bungie Marathon mit neuen Maps, Klassen und Inhalten versorgt. Das Fundament dafür ist jedenfalls außergewöhnlich stark. Und gerade das ist zum Release eine (positive) Überraschung.