Das nächste Ziel von Primož Roglič: die Tour de France gewinnen.
© Shamil Tanna
Radsport

Alles für den Speed

Ein Champion, ein Talent und ein Tüftler: zu Besuch bei drei Vorreitern, die mit dem Team Red Bull- BORA-hansgrohe die Grenzen des Radsports verschieben wollen.
Autor: Christoph Gertsch
12 min readPublished on

Teneriffa, Spanien

An einem Dienstagabend im April, als die Touristengruppen allmählich zurück ans Meer strömen und auf dem Berg wieder Ruhe einkehrt, setzt sich Primož Roglič zum Gespräch in den Aufenthaltsraum des Hotels, das für die nächsten drei Wochen sein Zuhause ist, lächelt freundlich und sagt: «Dann mal los!» Der Parador de Las Cañadas del Teide auf 2000 Metern ist das einzige Hotel in dieser Gegend, ein altes Gutshaus auf halbem Weg zum Pico del Teide, dem höchsten Vulkan Europas. Wir befinden uns auf Teneriffa, in einer kargen, faszinierenden Mondlandschaft, der Teide ist eines der beliebtesten Ziele der Kanareninsel. Die meisten kommen für ein paar Stunden, einige ­wenige bleiben über Nacht. Keiner aber hält es so lange aus wie Primož Roglič. Und schon gar nicht so oft.
Roglič ist eher in sich gekehrt. Sein Antrieb: die Freude am Radrennsport.

Roglič ist eher in sich gekehrt. Sein Antrieb: die Freude am Radrennsport.

© Shamil Tanna

«Lass mich kurz nachdenken», sagt er. «Ich glaube, das ist das vierzehnte Mal, dass ich hier bin.» Er weiss, wie verrückt das klingt, und schaut einen aus grossen Augen verschmitzt an. Für ihn ist es nicht verrückt. Er sagt: «Mir gefällt es. Alles ist sehr einfach. Und friedlich. Es gibt einen Vulkan und ein Hotel – sonst nichts. Tagsüber kommen ein paar Touristinnen und Touristen, aber sobald die Sonne untergeht, bin ich von Stille umgeben. Es ist wunderschön.»
Roglič, 35, Slowene, ist einer der besten Radfahrer der Welt. Und einer der vielseitigsten. Er hat alles gewonnen, was man gewinnen kann, ist Olympiasieger im Zeitfahren, hat bei grossen Eintagesrennen triumphiert, hat den Giro d’Italia und viermal die Vuelta a España für sich entschieden, zuletzt 2024, was ihn in Spanien zum Rekordsieger macht. Eine Sache aber fehlt: die Tour de France.
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21 Tage des Leidens, bei Hitze und Regen, bei Kälte und Wind. die Tour ist brutal, aber sie ist Primož Rogličs Ziel.
Sie ist die grösste der drei dreiwöchigen Landesrundfahrten, das wichtigste Radrennen der Welt. ­Keine Veranstaltung hat mehr Publikum, nirgendwo sonst werden mehr Sponsoringgespräche geführt, kein Rennen ist entscheidender für die Zukunft eines Fahrers. 2020 wurde Roglič Zweiter, aber in den darauffolgenden Jahren verletzte er sich dreimal bei Stürzen und nahm einmal nicht teil.
Diesen Sommer – von 5. bis 27. Juli – unternimmt er als Leader des Teams Red Bull-BORA-hansgrohe einen neuen Versuch. 21 Etappen, 3320 Kilometer, von Lille an die Atlantikküste, dann über die Pyrenäen, die Provence und die Alpen bis auf die legendären Champs-Élysées in Paris. 21 Tage des Leidens, bei Hitze und Regen, bei Wind und Kälte. Die Tour ist brutal, aber sie ist sein Ziel.
Auf Teneriffa bereitet sich das Red Bull-BORA-hansgrohe Team vor.

Auf Teneriffa bereitet sich das Red Bull-BORA-hansgrohe Team vor.

© Shamil Tanna

Im April auf dem Teide ist sie aber noch weit weg. Und doch ganz nah. Alles, was Roglič hier macht, macht er mit Blick auf die Tour. «Offiziell beginnt die Vorbereitung auf die Tour Anfang des Jahres, wenn man sich dafür entscheidet, im Juli in Frankreich am Start zu stehen», sagt Roglič. «Aber eigentlich beginnt sie an dem Tag, an dem du zum ersten Mal auf ein Rad steigst.»
Roglič ist ein Familienmensch, vermisst oft seine Frau Lora Klinc und die Söhne Lev und Aleks – und doch käme es ihm nie in den Sinn, den Aufenthalt auf Teneriffa auch nur um einen halben Tag zu verkürzen. Der Grund, warum er hier ist, ist so alt wie der moderne Ausdauersport selbst: das Wissen, dass sich in grosser Höhe die Leistungsfähigkeit verbessern lässt. Denn bei niedrigerem Sauerstoffpartialdruck muss sich der Körper anpassen – er produziert mehr rote Blutkörperchen, nutzt den Sauerstoff in den Muskeln effizienter und optimiert Atmung sowie Herzfrequenz.
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Abgeschiedenheit, Fokus, Rückzug – Roglič liebt, was viele Sportler am Höhen­training verfluchen.
Doch es gibt noch einen zweiten Grund, warum Roglič die Höhe sucht: das, was sie ausser der Sauerstoffarmut auch noch mit sich bringt – Abgeschiedenheit, Fokus, Rückzug. Das also, was viele Ausdauersportler am Höhentraining verfluchen. Roglič aber liebt es. Die zwei dreiwöchigen Höhentrainingslager, die er pro Jahr absolviert, sind seine Art, sich zu besinnen – auf seine Arbeit, seine Ziele, seine Stärken. Auf dem Teide wird er nicht nur körperlich topfit. Er wird es auch im Kopf.
Das bedeutet nicht, dass seine Aufenthalte in der Höhe keine Opfer fordern – im Gegenteil. Opferbereitschaft ist sogar der erste Begriff, der ihm im Gespräch einfällt, als er gebeten wird, seine Vorbereitung auf die Tour de France in drei Worte zu fassen. «Nicht nur ich erbringe Opfer», sagt er, «auch meine Familie tut das.»
Vor jeder Fahrt steht eine Einheit mit individuellen Aktivierungsübungen an

Vor jeder Fahrt steht eine Einheit mit individuellen Aktivierungsübungen an

© Shamil Tanna

Das zweite Wort: Gleichgewicht. Ein typischer Roglič-Begriff, dem eine ebenso typische Roglič-Aussage folgt: «Man darf nicht zu wenig trainieren, aber auch nicht zu viel. Nicht zu viel Pause machen, aber auch nicht zu wenig. Es ist nicht gut, zu schnell zu fahren. Aber auch nicht zu langsam.» Eine scheinbar banale Aussage, und doch scheitern viele Profis genau an dieser Vorgabe: Sie machen zu viel – oder zu wenig.
Zum dritten Begriff, den Roglič mit seiner Tour-Vorbereitung verbindet, kommen wir gleich. Vorher ein Szenenwechsel – vom Pico del Teide auf Teneriffa nach Silverstone in England. Vom Teamleader Roglič zur deutschen Nachwuchshoffnung Florian Lipowitz, 24, der im dortigen Windkanal an feinsten Details feilt – oder vielmehr: feilen lässt. Denn es ist Dan ­Bigham, Head of Engineering bei Red Bull-BORA-hansgrohe, der an diesem Tag die Arbeit macht. ­Lipowitz ist das Versuchskaninchen.

Silverstone, England

Für ein Radteam gibt es zwei Wege, sich weiterzu­entwickeln: Man kann jedes Jahr die grössten Namen einkaufen und darauf hoffen, dass sich daraus irgendwann ein funktionierendes Teamgefüge ergibt. Oder man wählt den Ansatz von Red Bull-BORA-hans­grohe: auf junge Talente setzen und in ihre Entwicklung ­investieren. Was vor allem bedeutet: Man steckt viel Geld in den Betreuerstab.
Florian Lipowitz, 24, gilt als Fahrer mit enormem Potenzial.

Florian Lipowitz, 24, gilt als Fahrer mit enormem Potenzial.

© Jojo Harper

Für diese Saison hat das Team deshalb gleich mehrere Hochkaräter verpflichtet – etwa den Ernährungsberater Asker Jeukendrup, der zuvor für das Konkurrenzteam Visma-Lease a Bike arbeitete, oder den Sportpsychologen York-Peter Klöppel, als Head of Mental Performance im Red Bull Athlete Performance Center ein wichtiger Begleiter von Formel‑1-­Weltmeister Max Verstappen. Und natürlich Dan ­Bigham, 33, der von Ineos Grenadiers kam – ebenfalls ein Konkurrenzteam. Wäre Bigham ein Fahrer, man würde von einem Transfercoup sprechen. Es gibt kaum jemanden in der Branche, der ihn nicht in höchsten Tönen lobt. Genau genommen war ­Bigham bis letztes Jahr noch Fahrer, aber seine komplette Geschichte würde ein Buch füllen. Hier sein Werdegang stattdessen in aller Kürze:
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Aerodynamik, Ernährung und Mentaltraining ermöglichen mehr Fortschritte, als man dachte.
Bigham studierte Ingenieurwesen in London, als er 2010 das Radfahren für sich entdeckte – zunächst als Ausgleich zum Uni-Alltag. Aus dem Hobby wurde eine Leidenschaft. Und dann eine Obsession. Bigham hatte keine klassische Nachwuchskarriere durchlaufen, war nie Teil eines Fördersystems. Aber er verfügte über etwas, das im modernen Hochleistungssport ebenso entscheidend ist wie rohe Wattzahlen: tech­nisches Verständnis.
Statt sich den Kopf über Trainingspläne zu zer­brechen, tüftelte er an Luftwiderstand, Sitzpositionen, Material. Er machte sich selbst zum Gegenstand der Untersuchung. Und er wurde immer besser. 2017 gründete er mit Freunden das ambitionierte Amateurteam HUUB Wattbike – ein rebellisches Kollektiv, das die etablierten Bahnnationen bei Weltcups regelmässig düpierte. Bigham fuhr nicht nur mit, er optimierte fortlaufend: von der Aerodynamik bis zur Rennstrategie.
Als erster WorldTour-Fahrer tritt Lipowitz zum Check im Catesby Tunnel an.

Als erster WorldTour-Fahrer tritt Lipowitz zum Check im Catesby Tunnel an.

© Jojo Harper

Seine Analysen waren so präzise, dass bald Profiteams anklopften. Er beriet den britischen, dann den dänischen Radsportverband. Und am 19. August 2022, im Velodrom im schweizerischen Grenchen, krönte er seinen Weg mit dem Meisterstück: dem Stundenweltrekord: 55,548 Kilometer. Nie zuvor war ein Radfahrer auf einem von der UCI zugelassenen Rad in sechzig ­Minuten weiter gefahren. Eine der prestigeträchtigsten Marken im Radsport – gehalten einst von Legenden wie Fausto Coppi, ­Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bradley Wiggins. Und jetzt von Dan Bigham, dem Überraschungsmann aus England. Da arbeitete er bereits als Ingenieur für Ineos Grenadiers – und trug in dieser Rolle tatkräftig dazu bei, dass er seinen Rekord nur drei Monate später wieder verlor: Er konzipierte das im 3D-Drucker produzierte Rad, mit dem der ­Ineos-Fahrer Filippo Ganna am 8. Oktober 2022 ­Bighams Leistung noch um 1,2 Kilometer überbot.
Zwei Jahre später beendete Bigham seine Karriere. Also die als Fahrer. Aber nicht ohne ein weiteres Ausrufezeichen: In Paris gewann er mit dem britischen Bahnvierer die Olympia-Silbermedaille in der 4000-Meter-Mannschaftsverfolgung.
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Eigentlich wollte Lipowitz Biathlet werden. In der Reha entdeckte er das Rennrad – mit erstaunlichen Ergebnissen.
Tolle Geschichte, nicht? Sie wird noch verrückter. Denn in Silverstone verrät Dan Bigham, dass Filippo Gannas Körperkraft weit über seiner lag – deutlich weiter, als die 1,2 Kilometer Vorsprung vermuten ­lassen. «Er brachte fast 100 Watt mehr Leistung in die Pedale», sagt Bigham. «Er hätte noch viel schneller sein können, ohne sich auch nur ein bisschen mehr anzustrengen.» Doch Ganna – im Unterschied zu ­Bigham kein analytischer Denker, sondern ein Mann der Emotionen – setzte lange nicht alle aerodynamischen Optimierungsvorschläge von Bigham um.
Was Bigham daraus lernte? Dass am Ende nicht die Physik das Hindernis ist – sondern der Mensch. Und dass es im Radsport noch ungenutztes Potenzial gibt. Die Fortschritte werden zwar kleiner, doch das Ende der Entwicklung ist längst noch nicht erreicht. «Die Leute glauben, der Stundenweltrekord sei übermenschlich und kaum zu knacken», sagt er, «ich bin überzeugt, das Gegenteil stimmt. Mir fallen auf ­Anhieb zehn Fahrer ein, die den Rekord brechen könnten – würden sie der Physik vertrauen.»
Die wichtigsten Etappen der 112. Ausgabe der Tour de France.

Die wichtigsten Etappen der 112. Ausgabe der Tour de France.

© The Red Bulletin

Genau das ist jetzt seine Aufgabe bei Red Bull-­BORA-hansgrohe: die kühle Logik der Physik auf ein Radrennen übertragen. Und so kompliziert seine Arbeit im Detail auch sein mag – im Kern lässt sie sich so zusammenfassen: Dan Bigham macht Fahrer schneller, ohne dass sie härter treten müssen. «Eigentlich ein schöner Job, oder?», sagt er lachend. «Ich verbessere ihre Leistung – und sie müssen dafür kaum etwas ändern.»
Wie er das macht? Er reduziert den Luftwiderstand von Skinsuits, senkt die Rollreibung der Reifen, findet den perfekten Kurvenradius bei 60 km/h. Er entwickelt massgeschneiderte Zeitfahranzüge, testet Sitzpositionen, stimmt Materialsets ab. Er misst, ­modelliert, verbessert. ­Jeder Tritt zählt – aber auch jeder Luftstrom. Seine Mission: dafür sorgen, dass so wenig Energie wie möglich verpufft und so viel wie möglich in Vortrieb umgesetzt wird.
Florian Lipowitz zählt zu den grössten Talenten im Team.

Florian Lipowitz zählt zu den grössten Talenten im Team.

© Jojo Harper

Er ist ein Nerd, der sich mit Hingabe auf jedes ­Detail stürzt: ein krummer Rücken, eine ungünstige Kurventechnik, ein minimal zu rauer Trikotstoff. Und manchmal braucht es dafür nicht einmal den Fahrer selbst. Während Primož Roglič im Höhentrainings­lager auf dem Teide schwitzt, testet Bigham im Windkanal in Silverstone neue Trikotmaterialien – mithilfe eines präzisen Replikats von Rogličs Bein.
Bigham ist Teil einer technischen Revolution, die erst vor wenigen Jahren im Radsport Einzug hielt. Anfangs sprach man von «marginal gains», minimalen Verbesserungen. Heute dämmert es vielen: Die Fortschritte, die mit Investitionen in Aerodynamik, ­Ernährung und Mentaltraining möglich sind, sind womöglich grösser, als man dachte.
Gleichzeitig darf man keine Wunder erwarten. Oder besser gesagt: keine schnellen Wunder. «Die Entwicklung eines neuen Fahrrads dauert drei Jahre», sagt Bigham. «Ein neuer Helm? Zwei Jahre.» Die schnellsten Fortschritte lassen sich bei der Kleidung erzielen – aber selbst dort ist unklar, ob eine Erkenntnis aus dem Frühjahr bei der Tour im Sommer schon einsatzfähig ist. Bigham versteht sich als Wissenschaftler, er macht Grundlagenforschung, «und die braucht eben Zeit».
Der Brite Dan Bigham bestreitet Rennen auf der Bahn und auf der Strasse.

Der Brite Dan Bigham bestreitet Rennen auf der Bahn und auf der Strasse.

© Jojo Harper

Und bei Red Bull-BORA-hansgrohe geht es in dieser Saison genau darum: Grundlagen zu legen, die länger tragen als ein schneller Erfolg. Es geht darum, neue Menschen einzubinden, neue Denkweisen zuzulassen und neues Wissen aufzubauen. Dan Bigham lebt diesen Anspruch: Ihm genügt es nicht, herauszufinden, welcher Skinsuit den deutschen Fahrer Florian Lipowitz heute am schnellsten macht. Er will ver­stehen, warum – und daraus Erkenntnisse gewinnen, die das Team morgen noch stärker machen.
Florian Lipowitz ist an diesem Tag in Silverstone zum ersten Mal überhaupt in einem Windkanal. Stundenlang testet er verschiedene Positionen, Materialien, Körperhaltungen. Am Ende wirkt er so ausgelaugt wie nach einer brutalen Bergetappe. Er ist einer von denen, die Roglič an der Tour de France im Juli als Helfer zur Seite stehen werden, doch zuvor darf er im Juni beim achttägigen Critérium du Dauphiné – dem wichtigsten Tour-Vorbereitungsrennen – die Leaderrolle übernehmen.
Quotation
Mit Hingabe stürzt sich Bigham auf jedes Detail: ein krummer Rücken, ein zu rauer Trikotstoff.
Wenn alles nach Plan läuft, wird Lipowitz irgendwann in Rogličs Fussstapfen treten. Unterstützt von Bigham – was besonders spannend ist, weil die drei eine ähnlich ungewöhnliche Vergangenheit ­verbindet. Denn nicht nur Bigham, auch Roglič und ­Lipowitz sind keine klassischen Radprofis. Roglič war Skispringer, stand kurz vor dem Durchbruch an die Weltspitze – ehe ihn ein schwerer Sturz zum Umdenken zwang. Lipowitz war lange Biathlet und strebte eine Karriere im Weltcup an.
Seine Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich Umwege manchmal als die besten Wege entpuppen. Als er 15 war, zog seine Familie nach Seefeld in Tirol, damit er und sein Bruder das Skigymnasium in Stams besuchen konnten. Doch Verletzungen warfen ihn zurück: erst eine Entzündung in der Wachstumsfuge, dann ein Kreuzbandriss beim Kitesurfen. Immer wieder war das Rad Teil seiner Rehabilitation – und Lipowitz merkte, dass ihm der Sport nicht nur Freude bereitete, sondern ihm auch zu liegen schien. Immerhin war sein Vater in der Radmarathonszene aktiv.
Bald nahm Florian an ersten Rennen teil – mit ­erstaunlichen Ergebnissen. Ganz ohne spezifisches Training fuhr er vorne mit. Parallel dazu schwand seine Zuneigung zum Biathlon: Die Verletzungen hatten ihm auf der Loipe die Leichtigkeit genommen. Ohnehin gefiel ihm am Biathlon schon immer der Ausdaueraspekt besser als das Schiessen. Mit neunzehn unterschrieb Lipowitz seinen ersten Vertrag im Radsport – beim Tirol KTM Cycling Team.
Bigham richtet das Rad von Lipowitz für möglichst wenig Luftwiderstand aus.

Bigham richtet das Rad von Lipowitz für möglichst wenig Luftwiderstand aus.

© Jojo Harper

Roglič, Bigham, Lipowitz – vielleicht sind es ihre nonlinearen Biografien, die ihre Offenheit für Neues erklären. Bigham hat daraus einen Beruf gemacht. Aber auch Lipowitz und Roglič zeigen jene Bereitschaft, die im Hochleistungssport eine Schlüssel­kompetenz ist: die Fähigkeit, sich auf Inputs von ­aussen einzulassen. Bigham sagt: «Primož stellt mir kluge, durchdachte Fragen, will wirklich verstehen – und baut daraus seine eigenen Modelle im Kopf. Er ist kein passiver Empfänger von Daten, sondern ­jemand, der Wissen verarbeitet und daraus bessere Entscheidungen auf dem Rad trifft. Gleichzeitig ist er nicht ­einer, der sich von Zahlen lenken lässt. Er nimmt sie zur Kenntnis, gibt ihnen aber auch nicht zu viel Gewicht. Während ich mich auf dem Rad früher oft an theoretischen Leistungsgrenzen orientiert habe, sucht er seine Grenzen physisch, nicht rechnerisch. Er ist bereit, noch einen Schritt weiter zu gehen – und genau das macht ihn so besonders.»
Und damit zurück auf den Teide, ins Höhen­trainingslager von Primož Roglič. Drei Begriffe hatte er wählen sollen, um seine Vorbereitung auf die Tour de France zu beschreiben. Zwei davon – Opferbereitschaft und Gleichgewicht – wurden bereits erklärt. Der dritte fehlte noch: Freude.
In den Anfangsjahren seiner Karriere hielten viele Roglič für eine Art Rad-Terminator: einen Athleten, der seine Siege wie ein Uhrwerk einfuhr, unbeirrbar, unnahbar. Doch das Bild täuschte. Primož Roglič ist einer der emotionalsten Sportler seiner Generation. So verbissen er in seiner Konzentration wirken mag – in Wahrheit treibt ihn das Gegenteil an: die Suche nach Momenten, die leicht sind, die Spass machen. «Wenn es keine Freude macht, hat es keinen Sinn», sagt er, lehnt sich in seinem Sessel in der Hotellobby zurück und freut sich auf das Abendessen in aller Abgeschiedenheit.