Radsport
Fabian Cancellara: Vom Radprofi zum Teamchef
Fabian Cancellara war der Gladiator des modernen Radsports – ein Fahrer, der Rennen mit brutaler Dominanz entschied. Heute führt er ein Team, in dem nicht mehr er, sondern andere gewinnen sollen.
Einen wie ihn gab es im Schweizer Sport kein zweites Mal: Wenn Fabian Cancellara gewann – und er gewann fast alles, was man im Radsport gewinnen kann –, dann nie durch taktische Versteckspiele aus dem Windschatten. Er gewann durch rohe physische Dominanz.
Sein Spitzname war «Spartacus», nach dem gefürchteten Gladiator, der den bekanntesten Sklavenaufstand der Antike anführte. Cancellara zog in die Rennen wie Spartacus in die Kämpfe: Er wartete mit seinen Attacken nicht auf die letzten Meter eines Zielsprints, sondern griff bereits vierzig, fünfzig Kilometer vor dem Finish an.
Wenn seine Konkurrenten aus dem Sattel gingen, die Gesichter schmerzverzerrt, blieb er stoisch sitzen, schaltete einen Gang höher, drückte eine schier unmögliche Wattzahl in die Pedale. Er liebte das Zeitfahren, das «Rennen der Wahrheit» – jene Disziplin, in der man allein gegen die Uhr antritt. Seine Überlegenheit war zeitweise so unheimlich, dass Konkurrenten und Medien glaubten, er habe einen Elektromotor versteckt im Rahmen verbaut. Nur so, hiess es, liesse sich diese Machtdemonstration erklären. Auch Dopingvorwürfe gab es.
Die Triumphe
Als er seine Karriere 2016 beendete, tat er dies sprichwörtlich auf dem Olymp: Cancellara war in Rio gerade ein zweites Mal Olympiasieger geworden, er war vierfacher Weltmeister, hatte acht Tour-de-France-Etappen gewonnen und 29 Tage lang das Maillot Jaune des Tour-Gesamtführenden getragen. Seine grössten Triumphe aber hatte er bei den Eintagesklassikern im Frühling gefeiert: Je dreimal gewann er die Flandern-Rundfahrt und Paris – Roubaix, einmal Mailand – Sanremo.
Nur als Egoist konnte ich im Scheinwerferlicht funktionieren.
Zehn Jahre später, im Frühling 2026, unterbricht Spartacus das Interview über sein Tudor Pro Cycling Team und bittet lachend um eine kurze Pause. Er müsse etwas Dringendes für seine Frau klären. Es geht um eine Matratze, die ersetzt werden soll. «Familienleben», sagt er entschuldigend.
Zwischen dem Gladiator und dem Chef eines globalen Radsportunternehmens mit 140 Angestellten liegt eine der radikalsten Verwandlungen, die ein Spitzensportler durchmachen kann: von einem der egozentrischsten Radprofis seiner Generation zu einem Anführer, der zurücktritt, damit andere den Raum füllen können, den er früher für sich beanspruchte.
Die Blase
Aber wie kam es dazu? Wie wurde aus einem, der darauf trainiert war, alle anderen hinter sich zu lassen, einer, der andere nach vorne schickt? «Gute Frage», sagt Cancellara selbst. «Da muss ich ein wenig überlegen.» Also fragen wir erst bei anderen nach.
Zum Beispiel bei Stefan Küng, dem prominentesten Neuzuzug beim Tudor Pro Cycling Team, auf den es in diesem Frühling am meisten setzen wollte. Küng ist Zeitfahrspezialist und Klassikerfahrer, wie einst Cancellara: präzise, ausdauernd, gefährlich. Doch beim Eröffnungswochenende der belgischen Klassiker, beim Omloop Het Nieuwsblad am 28. Februar, stürzte er und verletzte sich am Oberschenkel.
Ein paar Tage später, Küng hat sich von der Operation gut erholt, denkt er zurück. An seine ersten Jahre im Nationalteam, an eine Weltmeisterschaft, an den Moment, als er als junger Fahrer in die Welt der Grossen eintrat. Er sah Cancellara, den Grössten von allen – und dass der ihn keines Blickes würdigte.
Küng war enttäuscht. Und doch unterschrieb er viele Jahre später genau bei diesem Mann einen Vertrag. Warum? «Ich verstehe heute, warum er so war», sagt Küng.
Cancellara war nicht abweisend, er musste es werden. Er stand an der Spitze zu einer Zeit, in der der Radsport tief in der Vertrauenskrise steckte: Die Dopingskandale hatten die Öffentlichkeit so misstrauisch gemacht, dass jede Überlegenheit verdächtig wirkte. Wer zu den Besten gehören wollte, brauchte eine Rüstung. Cancellara baute sich eine: eine enge Blase aus wenigen Leuten, ein Mechaniker, ein Masseur, zwei, drei Menschen, denen er vertraute. Den Rest ignorierte er.
Das Nichts
«Nur als Egoist konnte ich im Scheinwerferlicht funktionieren», sagt er heute. Nach aussen hin blieb er so bis zum Rücktritt 2016. Doch in seinem Inneren bekam diese Haltung bereits 2012 Risse.
Es war sein schlimmstes Jahr als Profi. Im Frühling, bei der Flandern-Rundfahrt, hatte er sich das Schlüsselbein gebrochen. Dann, beim Strassenrennen bei den Olympischen Spielen in London, der nächste Sturz – wieder in bester Ausgangslage, wieder selbst verschuldet. Niemand hatte gedacht, dass ihm Gold noch zu nehmen sei.
Er verstand nicht, was mit ihm los war. Das kannte er nicht von sich. Warum machte er plötzlich solche Fehler? Er war in einem Loch, völlig erschöpft, beinahe depressiv. Die grösste Krise seines Sportlerlebens.
Hilfe holte er sich bei einem Mentaltrainer – was er heute jedem seiner Fahrer rät. Er lernte etwas, das er bis dahin nicht kannte, nicht konnte: innehalten. Den eigenen Zustand wahrnehmen, ohne ihn wegzutrainieren. Es folgten noch vier Jahre als Profi. Und ein Abgang wie im Märchen: Gold im olympischen Zeitfahren in Rio de Janeiro, zum zweiten Mal, nach 2008. Spartacus verliess die Arena auf dem Höhepunkt seiner Tatkraft.
Doch dann stand er vor dem Nichts. Nicht dem finanziellen Nichts, aber dem existenziellen. Was ist ein Mann, dessen gesamte Identität aus Schmerz, Kontrolle und Siegen besteht, wenn der Schmerz wegfällt, die Kontrolle endet und die Siege aufhören? Cancellara machte, was viele Ex-Athleten machen: Er trat als Markenbotschafter auf, sprach auf Podien. Sein Name zog. Aber er merkte schnell, dass ihn das nicht interessierte. «Solche Auftritte erfüllen mich nicht.»
In dieser Phase trat Raphael Meyer in sein Leben. Meyer hatte einen guten Job in der Tour-de-Suisse-Organisation – und Cancellara wollte ihn zu sich holen, in sein kleines Unternehmen, das sich damals noch primär mit der Vermarktung seines eigenen Namens beschäftigte. Meyer stellte eine Bedingung: Ich komme, wenn wir etwas Sinnvolles aufbauen. Cancellara sagte, genau das sei auch seine Absicht. «Ich will dem Sport, der mir alles gegeben hat, etwas zurückgeben.»
Aber was wollte er dem Sport zurückgeben? Es folgte eine Zeit des Ausprobierens. Sie bauten die Breitensport-Eventserie «Chasing Cancellara» aus, bei der Hobbyfahrer gegen Cancellara antreten konnten. Sie versuchten sich als Agentur für velonahe Firmen. Und ihr grösstes Projekt scheiterte, bevor es begann: die Übernahme der Tour de Suisse. Die Pressemitteilung war bereits geschrieben, aber drei Tage vor der Veröffentlichung zogen sie sich zurück. Cancellaras Bauchgefühl hatte nein gesagt.
Der Anruf
Kurz darauf kam ein Anruf. Die Swiss Racing Academy, ein Schweizer Nachwuchsteam, war insolvent. Sechzehn junge Fahrer standen vor dem Ende ihrer Karrieren. «Das darf nicht geschehen», sagte Cancellara, dem es zum ersten Mal nicht um sich selbst ging. Diesmal sorgte er sich darum, was mit anderen passiert.
«Wir hatten keine Autos, wir hatten keine Pneus, wir hatten gar nichts», erinnert sich Raphael Meyer. Aber sie hatten ihn, der das Geschäftliche im Griff hatte, und Cancellara, der über das Sportliche Bescheid wusste. Cancellara spürte, wie es seinen Fahrern ging, wann jemand unter Druck stand, wann jemand glänzen wollte, aber nicht durfte.
Er musste aber auch vieles verlernen. Vor allem: alles selbst kontrollieren zu wollen. Der Mann, der früher jeden Millimeter seines Fahrrads kannte – ob es Nuancen des Reifendrucks oder die Schaltröllchen betraf –, wollte anfangs auch im Business alles lenken. Meyer muss lachen, wenn er an den Tag zurückdenkt, als Cancellara ihm sagte, er müsse jetzt dringend einen Excel-Kurs machen. «Das bringt doch nichts», sagte Meyer zu ihm. «Konzentriere dich auf deine Stärken.»
Cancellara akzeptierte. «Ich merkte, ich kann am meisten beitragen, wenn ich das Menschliche reinbringe», sagt er. Heute ist er die gute Seele. Er ist der, der besser als alle anderen versteht, was die Fahrer durchmachen. Er trägt siebzehn Jahre Schmerz in sich. Dieser Schmerz ist heute sein wertvollstes Kapital. Ein Beispiel?
Beim Eröffnungswochenende der belgischen Klassiker stürzten neben Küng noch weitere Tudor-Fahrer. Im zweiten Rennen am Sonntag waren statt sieben nur noch fünf am Start. Unter normalen Umständen – in einem Sport, der auf Angstkultur und Ergebnisdruck aufgebaut ist – löst sich in solchen Momenten das Kollektiv auf, niemand fühlt sich verantwortlich, jeder fährt für sich. Stattdessen wurde Kuurne – Brüssel –Kuurne am 1. März zur Demonstration. Tudor – ein Team ohne Leader – belegte die Plätze zwei und drei. Wie war das möglich?
Die Philosophie
Die Antwort liegt in dem, was Cancellara und Meyer aufgebaut haben: ein Umfeld der psychologischen Sicherheit. Einen Ort, an dem man nicht bestraft oder gedemütigt wird, wenn man Fehler macht, Fragen stellt oder Schwächen offenbart.
Wenn auf der Strasse etwas schiefgeht – wenn die Leistung nicht stimmt oder das Material versagt –, greift bei Tudor keine Angstkultur. Man setzt sich an den Tisch und sucht Lösungen. Cancellara hat eine Atmosphäre geschaffen, in der Imperfektion nicht als Versagen gilt, sondern als Anfangspunkt zum gemeinsamen Lernen. Er baut seinen Athleten einen schützenden Kokon, in dem sie sich trauen können, verletzlich zu sein. Das Tudor-Innovationsteam – Meyer und Cancellara nennen dessen Mitglieder liebevoll ihre «Minions» – arbeitet im Hintergrund mit einer Akribie, die an Cancellaras eigene aktive Zeit erinnert. 450 Helmformen wurden im 3D-Drucker getestet, bevor man sich für eine entschied. Im Windkanal agieren massgefertigte Körper-Doubles. Damit Küng und die anderen zu Hause bei der Familie sein können, statt Stunden in einem zugigen Tunnel zu verbringen.
Für Cancellara, den Familienmenschen, ist das kein Detail. Es ist seine Philosophie. Raphael Meyer, sein CEO, sagt: «Glückliche Menschen fahren schneller.» Es klingt nach einer Management-Weisheit. Im Team Tudor ist sie Realität.
«Ich glaube, ich habe heute ein anderes Verständnis von Macht», sagt Cancellara. «Ich habe erkannt, wie schön es sein kann, zurückzustehen und andere dabei zu unterstützen, erfolgreich zu sein.»