Robin Gemperle: Abenteuer ja – aber «es geht ums Gewinnen»
© Nils Laengner
Radsport

Robin Gemperle: Der Rockstar des Ultracycling

Robin Gemperle ist der Shootingstar der Ultracycling-Szene. Was der Aarauer nach seiner erfolg­reichsten Saison für Pläne hat? Mindestens fünf Coiffeurbesuche pro Woche.
Autor: Marco Cousin
4 min readPublished on
On point

Stammt aus

Aarau, Schweiz

Kam

am 21. Mai 1996 auf die Welt

1/5
Wenn er bei Ultraradrennen antritt, ­drehen sich die Köpfe: Nicht nur, weil ­Robin Gemperle einer der Besten seines Fachs ist, einer, der über die höchsten Pass­strassen schwitzt, sich durch die ­unwirklichsten Wüsten schlägt oder sein Bike über Geröll und durch Schlamm trägt – sondern auch, weil man ihm den hauptberuflichen Extremsportler nicht ansieht. Im Gegenteil – mit seiner coolen Frisur, dem schlichten Ohrring und seinen hippen Outfits sticht der 29-Jährige aus der Menge heraus. Gemperle ist der Rockstar ­unter den Ultracyclisten. Im Aarauer ­Coworking Space, wo wir uns treffen, fällt er dagegen nicht weiter auf.
Gemperle macht zwar erst seit drei Jahren Ultracycling, auf dem Rad sitzt er dafür schon eine Ewigkeit. Bereits im Teenageralter wird er als talentierter Mountainbiker gehandelt, erhält sogar ­einen Platz im Scott-SRAM MTB Racing Team – das ist, wie wenn man als Fuss­baller von Real Madrid engagiert wird. Schon damals hat er enorm hohe Er­wartungen an sich selbst – zu hohe. «Wenn du im Trikot dieses Teams an den Start gehst, beobachten dich alle», sagt Gemperle heute über diese Zeit. «Ich habe beim Training immer total übertrieben – ein bisschen Überheblichkeit war wohl auch im Spiel.» Nach nur zwei Jahren war Gemperle verheizt – und schmiss hin.

Alles neu mit Fritto Misto

Er krempelt sein Leben um, studiert ­Architektur an der ETH, legt in Zürcher Clubs auf und organisiert mit Freunden Gastroevents unter dem Namen «Fritto Misto» – ein Hipster eben, mit einer ­diversen Community, und einer, der das Rast­lose am Studentenleben zu ge­niessen weiss. «Eine tolle Zeit», sagt er. «Bis heute brauche ich mein städtisches Leben als Ausgleich zum ständigen Kampf ums Gewinnen.»
Das Rad lässt Gemperle trotzdem nicht los: Bei Bikepacking-Touren mit Freunden offenbart sich immer wieder seine enorme Ausdauer. Er wagt erste Experimente Richtung Ultracycling – sehr zum Leidwesen der Freunde, die ihn dabei begleiten: 1000 Kilometer in 50 Stunden? Warum nicht? 15 Stunden am Stück im Sattel? Aber sicher doch! Der frühere Spitzensportler in Gemperle leckt Blut und gibt keine Ruhe, bis eine neue Herausforderung gefunden ist: das Transcontinental Race 2022 (TCR), ein Ultraradrennen der Superlative. Festgelegt sind dabei nur Start und Ziel, dazu fixe Strecken­abschnitte und Kontrollpunkte. Die Renndistanz kann bis zu 4200 Kilometer ­betragen. Definitiv nichts für Anfänger.
Quotation
Ultracycling ist Leistungssport mit viel Abenteuerlust!
Robin Gemperle
Beim Transcontinental Race gilt zudem – wie bei vielen Ultraradrennen – das Selbstversorgerprinzip, was bedeutet: Hilfe ist nicht erlaubt, auch nicht bei ­Defekten. 2022 nimmt Gemperle das erste Mal teil – und verschätzt sich gehörig: Sein Bike hält den Elementen nicht stand, mehrfach ist er kurz vorm Aufgeben. Dennoch schafft er es als kompletter Neuling in die Top Ten. Der Leistungssportler ist so richtig angefixt, der Hipster muss erst einmal zurückstecken. Nächtelang feilt, flext und tüftelt Gemperle an seinem Scott Addict Gravel RC Bike. Aber nicht nur das Material züchtet Gemperle hoch: Er legt sich einen Coach zu, stundenlang sitzt er mit Lufttrockner auf seinem Indoorbike im Waschkeller – um die hohen Temperaturen beim TCR zu simulieren.
Bei der zweiten Teilnahme am Rennen unterliegt Gemperle knapp dem langjäh­rigen Ultradominator, dem Österreicher Christoph Strasser. Beim dritten Rennen 2024 – es geht von Roubaix im nördlichen Frankreich bis nach Istanbul – hat er dann nur einen Gedanken: gewinnen. Mit über sechs Stunden Vorsprung kommt Gemperle als Erster ins Ziel. Das kreative Training, die akribisch vorbereitete Route, das bis ins letzte Detail zurechtgeschliffene Bike – alles zahlt sich aus. «Meine Professionalität unterscheidet mich von klassischen Ultracyclisten», sagt Gemperle im Aarauer Coworking-Space.

Rennen ohne Romantik

Ein Mindset, mit dem sich der 29-Jährige nicht nur Freunde gemacht hat: Ultracycling, sagen Kritiker, solle ein Abenteuersport bleiben und nicht zum hochgezüchteten Leistungswettbewerb verkommen. Was Gemperle darüber denkt? «Ich mag es nicht, wenn Ultracycling romantisiert wird. Klar, Abenteuer sind schön und gut, aber ein Rennen ist ein Rennen. Und Rennen sind zum Gewinnen da!»
Um Letzteres auch in Zukunft zu schaffen, nimmt Gemperle vieles auf sich: «Ich überwache meinen Schlaf, mein Training, mein Gewicht, meine Ernährung. Anders als vor zehn Jahren ist das heute eine sehr bewusste Entscheidung.» Die Obsession, gewinnen zu müssen, ist längst der Einstellung gewichen, dass man im Leben mehr als nur ein Ding ­unter einen Hut bringen kann: Gemperle sucht sich seine Rennen aus, trainiert ­gezielt und nicht übermässig, die Gastroevents sind nach wie vor ein wichtiger ­Bestandteil in seinem Leben. Und nach fast jeder Trainingseinheit stattet er seinem besten Freund, einem Coiffeur, einen Besuch ab. Nicht um sich die Haare schneiden zu lassen, sondern um zu plaudern und Kaffee zu trinken. Wir sehen: Der Athlet und der Hipster ziehen in Gemperles Leben mittlerweile an einem Strang. So geht Gewinnen.