Aufsteigerin der Comedy: Warum Filiz Tasdan mehr als nur lustig ist
Warum Filiz Tasdan die lustigste Comedienne dieser Tage ist. Und wie sie auf den Stand-up-Boom in Deutschland blickt. Ein Treffen mit ganz eigenen Pointen.
Von: Anne Waak
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Die Frau mit den kinnlangen braunen Locken steht auf der Bühne des voll besetzten Raumes und schildert, wie ihre Mutter ihr als Vierjährige die Haare abrasierte, damit sie dicker und kräftiger nachwachsen. „Damals als Kind habe ich gedacht: ‚Ach so, deswegen werden bei uns die Jungs beschnitten. Dicker, kräftiger Penis.‘“ Das Publikum bricht in Gelächter aus, manche wischen sich die Tränen aus den Augen.
Der Beschneidungs-Gag ist ein Bit – das ist Comedy-Slang für einen thematisch zusammenhängenden Abschnitt eines Auftritts – in Filiz Tasdans Soloprogramm. Tasdan, 1982 geboren und aufgewachsen in der Nähe von Hamburg, ist als Comedienne rasend erfolgreich. Für ihre Fähigkeit, die Leute mit ihren auf den Punkt gebrachten Alltagsbeobachtungen zum Lachen zu bringen, wird sie von ihren Kollegen bewundert. In der Szene gilt sie aktuell als Maß aller Dinge. Mit wem also besser über den aktuellen Comedy-Boom in Deutschland sprechen als mit ihr?
Filiz Tasdan ist Teil einer ganzen Bewegung. Deutsche Stand-up-Comedy ist keine neue Erfindung, aber nie zuvor war das Angebot an Liveshows, TikTok-Kanälen und Podcasts so groß und vielfältig wie im Jahr 2025. Allein in Berlin, dem Ausgangspunkt des Trends, der längst das ganze Land erfasst hat, hat man jederzeit die Wahl unter 55 Comedy-Clubs. Laut einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach zur Mediennutzung sahen sich 2024 rund 9,73 Millionen Personen in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren sehr gern Satire oder Comedy im Fernsehen an.
Filiz Tasdans Karriere steht sinnbildlich für diesen Aufschwung: von null auf Star in ein paar Jahren. Bis 2019 hatte sie noch nie auf irgendeiner Bühne gestanden, sondern arbeitete als Werbetexterin. Wobei sie sagt, dass der Job von Anfang an ein Kompromiss gewesen sei. Sie sitzt auf einem Sofa im Podcast-Studio der Agentur Stand Up 44, gegründet von Felix Lobrecht. Der vielleicht bekannteste deutschsprachige Comedian ist ein Freund und ihr größter Förderer. Ihm, sagt Tasdan mit ihrer dunklen Stimme, verdanke sie viel. Derzeit tourt sie mit ihrer Show „Super Plus“ durch Deutschland und Österreich. Bis zu 700 Menschen am Abend wollen sie sehen; einige Termine sind schon etliche Monate zuvor ausverkauft.
Sie habe, erzählt Tasdan, sich als „Hardcore-Fan“ schon früh alles angeschaut, was es gab: Stand-up, aber auch Sketche und Filme. Als Teenie sah sie in den 1990ern „RTL Samstag Nacht“, eine Late-Night-Show, in der Comedians nach dem Vorbild von NBCs „Saturday Night Live“ wöchentlich Sketche präsentierten. Später verschlang sie aus dem Netz geladene Specials von US-Stars wie Dave Chappelle, Sarah Silverman und Louis C. K. Aber eine eigene Comedy-Karriere erschien Tasdan unerreichbar. Wobei es ihr als Frau mit Migrationshintergrund gar nicht an Vorbildern mangelte. Seit den Nullerjahren war ausgerechnet das oft geschmähte Privatfernsehen eine Bastion insbesondere türkischstämmiger Comedians wie Kaya Yanar, Bülent Ceylan und Jilet Ayşe – auch wenn Klischees hier eher zementiert als unterlaufen wurden. „Aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man damit Geld verdienen kann.“
Beim Open Mic beginnt Filiz Tasdans Weg an die Comedy-Spitze
Irgendwann aber erfuhr Tasdan von der Existenz von Comedy-Workshops und belegte prompt einen – allerdings auf Englisch. „Ich dachte: Wenn, dann so. Die wissen schließlich, wie es geht.“ Schon während des Kurses merkte sie, dass sie im Vergleich zu den anderen Teilnehmern gar nicht so schlecht war; die Workshop-Leiterin bestärkte sie in diesem Gefühl. Mit Sprache und Punchlines kannte sie sich nach zwanzig Jahren Werbetexten schließlich aus. Sie schrieb ihre ersten fünf Minuten Programm auf Englisch und stellte sich auf die Bühne eines Open-Mic-Clubs. Schnell wechselte sie ins Deutsche – seither geht es unaufhaltsam nach oben.
Die Gründe dafür, dass sich Comedy zu dem Riesentrend entwickeln konnte, der es heute ist, sind vielfältig. Da wäre zunächst, natürlich: das Internet. In den Zehnerjahren zog es umfassend in die deutschen Haushalte und auf die neu erfundenen Smartphones ein. Mit zunehmender Bandbreite kamen die Streaming-Anbieter, allen voran Netflix, das seither ungezählte Comedy-Specials produziert hat – hierzulande etwa Enissa Amanis „Ehrenwort“ (2018) und Felix Lobrechts „Hype“ (2020). Parallel dazu setzten sich Podcasts als sowohl günstig zu produzierendes als auch unkompliziert nebenbei zu konsumierendes Medium durch. Heute steht das Genre Comedy mit 26 Prozent auf Platz drei der beliebtesten Podcast-Themen der deutschsprachigen Hörerschaft, gleich nach Fitness und Gesundheit sowie Politik. Parallel wurden YouTube, TikTok und Instagram zu den digitalen Versionen von Open Mics. Tasdan ist Teil des von Moritz Neumeier moderierten YouTube-Formats „Falsch, aber lustig“. Abseits der neuen Vervielfältigung der Verbreitungswege hat Stand-up-Comedy im Gegensatz zu, sagen wir, einem Kinofilm einen entscheidenden Vorteil: Sie ist außerordentlich günstig zu produzieren. Comedians sind Ich-AGs und Einzelkämpfer. Sie brauchen eine Bühne und ein Mikro, fertig ist die Show.
Mit Punchlines zum Erfolg: Filiz Tasdan wechselt von Werbung zu Comedy
Dazu kommt der Live-Aspekt: In Zeiten, in denen viele Menschen acht Stunden am Tag vorm Bildschirm sitzen und die restliche Zeit auf anderen, kleineren Bildschirmen herumwischen, sind Erlebnisse, bei denen man auf andere Menschen trifft, gefragter denn je. Das gilt für Konzerte, deren Ticketpreise in den vergangenen fünfzehn Jahren signifikante Steigerungen erfahren haben, genauso wie für vergleichsweise günstige Comedy-Shows. Ein Ticket für einen Auftritt von Filiz Tasdan kostet weniger als 40 Euro. Die Durststrecke der Pandemie hat das Bedürfnis danach, einen Abend gemeinsam mit Hunderten anderen lachend zu verbringen, nur angefeuert. „Das ist eine neue coole Abendbeschäftigung“, so Tasdan. „Etwas, das man wie Bar, Restaurant oder Kino mit Freunden macht.“ Mittlerweile gibt es für jeden Humor die passende Show. Benötigtes Vorwissen: keines.
Und wenn es stimmt, dass die Zeiten für organisiertes Lachen umso besser sind, je düsterer die weltpolitische Lage ist, könnten die Dinge für die Comedy seit der ersten Amtszeit von Donald Trump im Verbund mit der sich verschärfenden Klimakrise, Covid, dem Krieg in der Ukraine, dem in Nahost und dem im Sudan nicht besser stehen. Um es mit dem Motto des Berliner Clubs „Mad Monkey Room“ zu sagen: „Einen Abend abschalten, alle Sorgen vergessen und einfach lachen.“
Es geht darum, einen neuen Blick-winkel zu finden.
Filiz Tasdan
Doch wie funktioniert Stand-up eigentlich? Filiz Tasdan sagt, Mechaniken gebe es viele. „Aber die Leute lachen meistens über irgendwas, was sie so ähnlich schon mal gedacht haben. Ich versuche also, mein Publikum zu lesen. Ich schaue mir meine Zielgruppe an und frage mich: Was ist deren Problem, und was ist das Witzige daran?“ Als Frau über vierzig spricht sie oft über das Altern, über Frauenkörper (der Name ihres aktuellen Programms, „Super Plus“, bezieht sich auf die Saugkraft von Tampons), über Beziehungen, die Eigenheiten von Männern und Frauen, aber auch gern über den öffentlichen Personennahverkehr. Es sei zweitrangig, wie viele andere sich schon an einem Komplex abgearbeitet haben. „Es geht darum, einen anderen Blickwinkel zu finden.“ Gern spickt sie ihre Ausführungen mit einem „Alder“, auch vor Kraftwörtern wie „Titte“ fürchtet sie sich nicht.
Das Beobachten der eigenen Zielgruppe und das Schreiben guter Gags sei jedoch nur das eine. Das andere sei die Performance, seien die Skills – „Fragen wie: Wer bin ich?, Welche Stimmung und Energie transportiere ich?, Bin ich wütend, sarkastisch, frech?, Wie bewege ich mich auf der Bühne?“, so Tasdan. Tempo, Pausen, der Tonfall des Vortrags zählten genauso wie die Begleitumstände: das richtige Licht, der Sound einer Venue, die Größe und Beschaffenheit des Raumes, die nicht zu weiche und nicht harte Bestuhlung – alles trägt zum Gelingen einer Show bei, oder eben zu ihrem Scheitern.
Alltag mit Pointe: Filiz Tasdan macht aus kleinen Momenten große Gags
Mit Schaudern erinnert sie sich an einen Auftritt vor 600 Mitarbeitern eines Konzerns. 98 Prozent von ihnen waren Männer, was der Firmenchef ihr aber bis einen Tag vorher vergaß mitzuteilen. Vielleicht kein ideales Umfeld für Tampon-Witze. „Nicht nur, dass sie nicht gelacht haben“, erzählt Tasdan, „das war die absolute Anti-Haltung. Ich habe auf die Uhr gekuckt und meinen Auftritt wie ein Roboter durchgezogen. Als ich von der Bühne kam, stand da schon meine Agentin mit gepackten Koffern und fragte: ‚Wollen wir los?‘ Der Veranstalter hat mich zum Abschied fest umarmt, es habe ihm wirklich sehr leidgetan. Im Auto habe ich dann geheult.“ Merke: Wenn Menschen nicht hundertprozentig freiwillig vor dir sitzen, hast du möglicherweise einen schwierigen Abend vor dir. Firmenfeiern meidet Tasdan seither.
Lässt sich Bühnenpräsenz lernen? „Nein“, sagt sie. „Aber ein guter Comedian checkt, wie die Stimmung im Raum ist, und schafft es, darauf einzugehen. Wenn man merkt, die hassen mich gerade, muss ich versuchen, daraus einen Witz zu machen.“ Etwas, was ihr auf der Firmenfeier offenbar nicht gelang. „Man muss der Boss im Raum sein und die Menschen lesen können, und das erfordert Empathie.“
Ein guter Comedian checkt, wie die Stimmung im Raum ist, und geht darauf ein. Wenn man merkt, die hassen mich gerade, muss man versuchen, daraus einen Witz zu machen.
Filiz Tasdan
Was gar nicht funktioniere, sei Coolness. Um lustig zu sein, müsse man sich lächerlich oder sogar verletzlich machen. Die letzten Minuten ihres Soloprogramms widmet Filiz Tasdan daher ihrer eigenen Verletzlichkeit: Sie ist bipolar, was sie nicht immer und nicht rund um die Uhr einsatzfähig macht. Einen aufklärerischen Ansatz habe sie dabei nicht; sie wolle auch nicht für das Thema psychische Gesundheit sensibilisieren. „Für mich ist die Krankheit einfach ein Thema, in dem viele Jokes stecken.“
Wie sieht sie das: Haben wir Peak German Comedy erreicht? „Auf keinen Fall“, sagt Filiz Tasdan. Sie sieht die Branche noch am Anfang einer langen Entwicklung – genau wie sich selbst. „Ich will mein Potenzial ausschöpfen und schauen, wie gut ich noch werden kann. Inhaltlich bin ich noch keinesfalls da, wo ich hinwill.“
Sprichst du Stand-up?
Wichtige Begriffe der Comedy-Szene
Begriff
Bedeutung
Act out
Etwas auf der Bühne spielen, statt zu erzählen – etwa mit Mimik oder Gestik.
Bit
Inhaltlich abgeschlossener, etwa ein bis drei Minuten langer Joke zu einem Thema innerhalb eines Sets.
Bomben
Einen wirklich, wirklich misslungenen Auftritt hinlegen.
Callback
Überraschender Bezug (innerhalb eines Bits) auf einen früheren Joke im Set.
Crowdwork
Spontaner Austausch mit dem Publikum.
Heckler
Zuschauer, die durch Zwischenrufe stören.
Killen
Wenn ein Auftritt wirklich, wirklich gelungen ist. Alternativen: abreißen, zerstören, mördern …
Punchline
Überraschende Pointe des Jokes, die den Lacher erzeugt.
Set
Entspricht einem Auftritt – egal ob sieben Minuten oder neunzig.
Set-up
Enthält innerhalb eines Bits alle Informationen, die für das Verständnis der Punchline nötig sind.
Tag (auch Tagline)
Ein weiterer Lacher nach der Punchline, für den kein neues Set-up nötig ist.