Yungblud: This man is on fire
Du bist gerade auf Welttournee. Bist du schon ein Profi, was das Leben aus dem Koffer betrifft? Jede Nacht ein anderes Hotel …
Hotels kommen für mich nicht infrage – die machen mich wahnsinnig! Ich lebe in meinem Tourbus, genauer gesagt, in einem Raum ganz hinten im Bus. Den habe ich mir mit allem eingerichtet, was ich brauche: Bett, PlayStation, Gitarren, Kerzen, Räucherwerk. Das Beste am Unterwegssein ist jedoch etwas ganz anderes: dass mein Team aus meinen Freunden besteht. Wir touren gemeinsam, um die Welt zu erobern.
Wenn man auf die Charts und Ticketverkäufe der letzten Jahre blickt, scheint das mit dem Welterobern ganz gut zu funktionieren. Was ist das Geheimnis deines Erfolgs?
Was Yungblud ausmacht, haben von Anfang an die Fans bestimmt. Billie Eilish, Lil Peep, Mac Miller und Lil Nas X sind Teil einer Generation, die verstanden hat, wie mächtig – im Guten wie im Schlechten – Smartphones, Twitter, Instagram, TikTok sind. Wir sind damit aufgewachsen, dass jeder eine Stimme hat. Während sich Künstler früher an ihrer Radiopräsenz oder ihren Verkaufs- und Streamingzahlen gemessen haben, hat uns von Anfang an die Community interessiert, ihre Kultur, ihre Identität. Zu Beginn hat es sich fast so angefühlt, als wäre die Community wichtiger als die Musik. Erst jetzt, mit 28, geht es bei mir mehr um die Musik, um Kunst, Kreativität.
Yungblud bin nicht nur ich. Yungblud ist eine Bewegung.
Du hast mal gemeint, dein jüngstes Album „Idols“ soll ein Album sein, mit dem sich auch ein älteres Publikum identifizieren kann, nicht nur die Gen Z.
Ja. Und ich finde großartig, wie viele verschiedene Altersgruppen mittlerweile zu einer Yungblud-Show kommen. Es gab eine ziemlich harte Zeit, das war nach dem Release meines dritten Albums („Yungblud“, 2022, Anm.), weil ich zu viele Meinungen an mich rangelassen habe, vom Label, den Medien, den Fans. Gefühlt hatte die ganze Welt eine Meinung zu allem, was ich tat und wie ich es tat. Ein schreckliches Gefühl.
Mit Verlaub: Du wusstest aber schon, dass du ein Star bist und in der Öffentlichkeit stehst?
Klar, aber wenn du 18 bist, erwartest du doch nie, dass das Ding so groß wird. Du träumst zwar davon, aber du rechnest nicht damit.
2022 warst du immerhin schon 25 …
… und auch ganz anders drauf als damals, als ich angefangen habe. Mit 18 war ich irgendein Kerl aus dem Norden Englands, extrem politisch, laut, rotzig. Dann kam die Zeit, in der ich begann, meinen Namen nicht mehr zu mögen. In der ich unsicher wurde, weil ich im Internet Kommentare las, zu meiner Musik, meiner Authentizität, meinem Körper. In der Öffentlichkeit aufzuwachsen, ist verrückt, und es verschiebt die Wahrnehmung. Yungblud war in sieben Ländern auf Platz eins, und ich war trotzdem enttäuscht! Doch diese harten Zeiten hatten sehr viel Gutes: Sie haben dazu geführt, dass ich „Idols“ gemacht habe – und dass ich jetzt so richtig zufrieden, geerdet und dankbar bin.
Rock ’n’ Roll bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem du deine Fantasien ausleben kannst.
Du hattest Kunst als Leistungskurs, bist als Schauspieler in Serien aufgetreten, malst. Warum bist du bei der Musik gelandet – und dort geblieben?
Ich liebe jede Form von künstlerischem Ausdruck, Theater, Pantomime, Tanz, Ballett – alles. Das wird ja auch manchmal gegen mich verwendet, vor allem in der Rock-Community. Da heißt es: „Wie kann ein Typ, der Theater liebt, ein Rockstar sein?“ Aber denk doch an Iggy Pop, Lou Reed, David Bowie oder an Freddie Mercury: Ihre Kunst hatte ihre Wurzeln und ihre Einflüsse in den verschiedensten Disziplinen. Die künstlerische Ausdrucksfreiheit einzuengen, ist das Unrock ’n’ rolligste überhaupt. Rock ’n’ Roll bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem du deine Fantasien ausleben kannst.
Siehst du dich eher als Fackelträger des Classic Rock oder vielmehr als Wegbereiter für eine neue Art Rockstar?
Ich bin ein Produkt meiner Idole, so wie meine Idole ein Produkt ihrer Idole waren. Classic Rock wurde lange als ein bisschen peinlich und altbacken gesehen. Zu Unrecht! Ich möchte junge Bands dazu inspirieren, auf Queen, Led Zeppelin, Oasis, Joy Division, The Cure, The Who, The Allman Brothers Band zu referenzieren, nur eben auf eine Art, die neu und frisch klingt. Am Ende entscheiden die Leute, was groß wird. Natürlich ist manches von früher überholt, „Wie viel kann ich trinken?“, „Wie viele Groupies kann ich mit auf Tour nehmen?“ Diese Sachen sind mit den Achtzigern gestorben. Heute geht es um Liebe, Zusammenhalt und Freiheit, um Meinungsfreiheit und Positivität.
Liebe, Zusammenhalt und Freiheit als Pfeiler einer neuen Rock-Ära?
Für mich: ja! Ich liebe es, Grenzen zu verschieben. Gerade mit dem neuen Album habe ich meine Sexualität wirklich erforscht, meine Körperlichkeit. Ich trainiere viel, bin fit geworden. Als Teenager hatte ich Probleme mit meinem Körperbild. Nun habe ich diese sexuelle Seite an mir entdeckt, genieße das und finde es vor allem extrem befreiend. Das alles kommt aus dieser neuen Haltung, in Abgrenzung zu diesem Old-School-Klischee vom Rockstar, der viel zu junge Frauen datet. Es kommt aus einem Gefühl von Befreiung. Ich glaube, wir sind in einer neuen Phase von Liebe, Body Positivity und Respekt angekommen. Auch im Rock. Vielleicht gerade im Rock.
Wir sind in einer neuen Phase von Liebe, Body Positivity und Respekt angekommen. Auch im Rock.
Glaubst du, dass junge Menschen heute mehr emotionale Unterstützung als früher brauchen? Stichwort: Internet.
Das Internet ist ein sehr seltsamer Teil unseres Lebens. Du hast dich schon vor dem Frühstück mit 15 Leuten verglichen, die du nicht kennst. Du hast eine eigene Meinung zu einem Thema? Dann wird’s gefährlich. Das Internet zwingt uns, einen neuen Weg zu finden, wie wir miteinander existieren. Wir müssen lernen, Meinungsverschiedenheiten als etwas Positives, Bereicherndes zu betrachten. Ich vermisse die Zeit, in der man sich mit jemandem mit komplett anderen politischen Ansichten an einen Tisch setzt. Das sollte okay sein, denn genau das ist Demokratie! Wir müssen auch wieder lernen, Dinge in ihrer Komplexität zu sehen. Das Internet vereinfacht alles, und nichts im Leben ist einfach. Das Internet zu benutzen, um den Leuten zu sagen, sie sollten sich für ein paar Stunden verdammt noch mal vom Internet abmelden – das versuche ich.
Du thematisierst in deiner Musik deine Probleme sehr offen. Zugleich klingen deine Songs so aufbauend, positiv. Wie geht sich das für dich auch innerlich aus?
Nach außen wirke ich extrem aufgekratzt und extrovertiert. Aber in mir ist es oft sehr dunkel. Meine Kunst, vor allem jetzt auf „Idols“, beschreibt auch meine Suche nach dem Licht, das diese Dunkelheit besiegt. Du darfst dich nicht nur mit Schmerz und Depressionen beschäftigen. Schau ihnen ins Gesicht und sag: „Fuck you, ich werde euch besiegen.“ Mach dir bewusst, dass atmen, vor die Tür gehen, auf zwei Beinen laufen können, dass das alles Geschenke sind. Alles in diesem Leben ist ein Geschenk, unser ganzes Leben ist es. Wenn wir uns in der Dunkelheit suhlen und dabei vergessen, wie viel Licht um uns herum ist: Das ist der Kern von „Idols“ für mich.
Woher kommt der Name des Albums?
Es ist ein völlig schräges Konzept, aus ganz normalen Leuten Idole zu machen. Wir vergöttern Menschen nur deswegen, weil wir nicht den Mut haben, zu uns selbst zu stehen – zu unserer eigenen Geschichte, unserem eigenen Überleben, unserem eigenen Weg. Dieses Album ist eine Art Wendepunkt in meinem Leben, weil ich meine Vorbilder losgelassen und stattdessen an mich selbst geglaubt habe. Der Effekt war verrückt: Plötzlich wurden aus früheren Idolen Kollab-Partner. Als hätte sich wie von selbst eine Tür geöffnet. Die letzten Monate waren einfach verrückt.
Klingt so, als wären weitere Kollaborationen wie zuletzt jene mit Aerosmith geplant?
Auf jeden Fall. Ich liebe mehr denn je, was ich tue. Einfach Musik machen, mit diesen fantastischen Leuten ins Studio gehen. Es läuft wie von selbst, ich fühle mich inspiriert. Rockmusik ist im Mainstream wieder willkommen – also die Musik, die ich liebe. Teil zwei von „Idols“ ist so gut wie fertig. Ich platze vor Energie!