On point
Irgendwann mitten im Gespräch sagt Marie Bloching den Satz, der auf den Punkt bringt, wie sie zu ihrem Job steht: „Das Positive an der Unsicherheit im Schauspiel ist, dass man zwischen Projekten auch Zeit hat, um anderes auszuprobieren.“ In Blochings Fall zum Beispiel die Forstwirtschaft, die Arbeit mit Ton, Farbe oder Bauschaum. Die Schauspielerin ist der lebendige Beweis dafür, dass man sich einer Sache eben nicht vollkommen verschreiben muss, um damit erfolgreich zu sein.
Und erfolgreich ist sie: Bloching, 29, ist eine der beeindruckendsten jungen Schauspielerinnen ihrer Generation. In dem Ensemble freidrehender Charaktere in der Comedy-Serie „Die Discounter“ fungierte sie vier Staffeln lang als der Ruhepol – im wahrsten Sinne des Wortes. Blochings Figur Lia war dermaßen angeödet von ihrem Job als Kassiererin, dass sie die Waren schon mal mit einem Nackenkissen um den Hals über den Scanner zog, bereit, jeden Moment einzuschlafen. Wenn sie die sogenannte vierte Wand durchbricht, also direkt in die Kamera schaut – und damit in die Augen des Publikums –, ist da: Leere.
Es ist nur schwer vorstellbar, dass es eine bessere Darstellerin für die Rolle gegeben hätte als Bloching. Ihre großen braunen Augen verleihen ihr etwas Kindliches, aber sie kann ihnen einen Ausdruck irgendwo zwischen Langeweile, Abgeklärtheit und totaler Desillusion verpassen.
Überzeugend ohne Worte
In ihrem neuesten Film „Schwesterherz“ spielt sie die Hauptrolle, Rose. Als eine andere junge Frau Roses Bruder Sam (Anton Weil) der Vergewaltigung beschuldigt, steht Rose vor der Entscheidung, entweder gegen ihren geliebten Bruder auszusagen oder ihn vor einer Strafe zu schützen und sich damit mitschuldig zu machen. Bloching schafft es, das Dilemma ihrer Figur fast ausschließlich über ihr nuanciertes Spiel zu erzählen, über ihr Gesicht, ihre Mimik und Gesten. Es gehört viel dazu, einen abendfüllenden Film nahezu allein zu tragen. Bei Marie Bloching wirkt es, als wäre nichts dabei. Bei ihrem kommenden Film „Fernlicht“, in dem sie eine Berliner Drogenkurierin spielt, ruht die Kamera sogar achtzig Minuten lang ausschließlich auf ihr.
Zweifel an der Berufswahl
So talentiert, wie sie ist, könnte man erwarten, dass Bloching vollkommen in ihrem Beruf aufgeht. Stattdessen sagt sie: „Manchmal frage ich mich, ob es ein Fehler war, dass ich damit überhaupt angefangen habe.“ Sie fände es „ein bisschen gruselig“, sich erst einer Kamera und dann den Blicken des Publikums aussetzen zu müssen.
Aufgewachsen mit zwei älteren Brüdern in einer, wie sie sagt, „normalen bürgerlichen Familie“ in einem bayerischen Dorf, kam sie schon früh in Kontakt mit Filmen. Ihre Oma und ihre Großtante betrieben ein kleines, bis heute existierendes Programmkino. Was sie an Filmen interessiert hat und bis heute interessiert, seien die vielen Orte und Leben, in die eine Geschichte sie transportieren könne. Sie erzählt vom Schlüsselmoment in ihrer Kindheit, in dem sie einen ihrer Brüder ansah und realisierte, dass sie niemals er sein kann. „Ich fand das schrecklich, weil ich die Sehnsucht hatte, auch jemand oder etwas anderes zu sein als ich selbst.“
Wunden aus Bauschaum basteln
Mit 15 Jahren spielte sie in ihrem ersten Kurzfilm; noch während sie in München die Schauspielschule besuchte, übernahm sie Rollen in Fernseh- und Kinofilmen sowie am Theater. Spätestens seit „Schwesterherz“ 2025 auf der Berlinale lief, wird ihr auch internationale Aufmerksamkeit zuteil. Magnetisch sei ihr Spiel, so die Kritik, emotional kraftvoll.
Dennoch fühlt sich Bloching am wohlsten, wenn sie allein vor sich hin bastelt. Zu ihren liebsten Beschäftigungen gehört das Nachbilden möglichst realistischer Wunden mithilfe von Bauschaum; derzeit arbeitet sie außerdem an großformatigen Tonobjekten, malt und tuftet Teppiche. In ihrem Wohnzimmer hängt eine ihrer jüngeren Arbeiten: Die Malerei zeigt einen weiß gekachelten Raum, in dem an silbernen Haken Schweinehälften hängen. Die Innereien der Tiere hat Bloching mit langen Fäden gespickt.
Ich käme mir blöd vor, wenn ich in meinem Leben nur eine Sache machen würde.
Aber nicht nur Kunst und Handwerk interessieren sie, sie hat auch schon Vorlesungen über Forstwirtschaft besucht und im Friseurladen gearbeitet. „Ich käme mir blöd vor, wenn ich in meinem Leben nur eine Sache machen würde“, sagt Bloching. „Die Filmwelt spiegelt nicht die Realität wider. Manche Leute denken, nur weil man manchmal im Scheinwerferlicht steht, wäre man mehr wert.“
Vielleicht ist genau diese Halbdistanz Marie Blochings Erfolgsgeheimnis. Sie hält gesunden Abstand zu ihrem eigenen Beruf und macht ihr Lebensglück nicht davon abhängig, ob genug Menschen sie mögen. Aber wenn es darauf ankommt, ist sie vollkommen präsent.