Gregor Stäheli ist Comedian und unterhält auf Bühnen und im Internet.
© Remo Buess; Kornel Stadler

Kolume «On a positive note»: Comedian Gregor Stäheli

Hier schreiben Schweizer Literaturtalente über Themen, die sie bewegen – und liefern ihren positiven Spin dazu. Diesmal: Gregor Stäheli über einen Unfall, der harmlos, aber unvergesslich war.
Autor: Gregor Stäheli
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Gregor Stäheli ist Comedian und unterhält sein Publikum auf Stand­up- und Poetry-Slam-Bühnen sowie online. Aktuell tourt er mit seinem ersten Soloprogramm «Out of Office». Darin geht er mit allen möglichen Absurditäten des Arbeitsalltags ins Gericht. gregorstaeheli.ch
Kennt ihr diese Menschen, die ihr Fahrrad behandeln, als wäre es ihr bester Freund? Diejenigen, die ihrem Bike mehr Pflege und Aufmerksamkeit schenken als ihren Zimmerpflanzen, dem Hamster oder gar dem Lebenspartner?
So ein Mensch bin ich nicht. Mein einziges Zweirad ist japanisch und motorisiert. Abgesehen davon trifft man mich viel eher auf dem Trottoir, im Tram oder Bus. Mit Fahrrädern verbinde ich allerdings meine Kindheit. Diese fand zu grossen Teilen auf dem Sattel statt. Sei das auf dem Spielplatz, dem Schulweg oder der Rückkehr nach Hause spätnachts nach einer Party. Die Damen­räder unserer Mütter waren sozusagen unsere Nachtbusse, bevor es Nachtbusse gab. Sie waren schwer und fuhren schwerfällig, dafür waren sie retro. Und das war alles, was zählte.
Meine erste Erinnerung ans Fahrradfahren ist die eines Unfalls. Keine Angst, ich rede nicht von einem lebensverändernden Schicksalsschlag – dafür bin ich sehr dankbar. Das ist keine dieser tragischen Hintergrundgeschichten, bei denen sich die Produzenten einer Castingshow die Hände reiben würden. Es war ein harmloser, fast schon langweiliger Zusammenstoss. Trotzdem erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen:
Mein Primarschulfreund Steven und ich fuhren oft und gerne mit unseren Fahrrädern rum. Das war noch vor der Damenrad-Pubertät, in der Mountainbike-Kindheit. Wir hatten beide ein solches. Die Farben waren knallig bunt, und jede erdenkliche Stange war gefedert. Das war natürlich absolut notwendig für das Leben im geteerten Vorort. So haben wir das zumindest auf der Weihnachts-Wunschliste unseren Eltern verkauft.
Steven wohnte in einer dieser Sackgassen­siedlungen, bei denen alle Häuser gleich aus­sehen, sodass die Bewohner ihre Individualität im Design des Vorgartens austoben müssen. Die Siedlung hatte einen grossen Vorplatz, und dort verbrachten wir viel Zeit.
Eines Nachmittags fuhren wir dort im Kreis für den blossen Zweck, herauszufinden, wie schnell man im Kreis fahren kann. Alles für die Wissenschaft! Natürlich traten wir in entgegengesetzter Richtung in die Pedale, das erzeugte mehr Adrenalin. Es geschah das Unvermeidbare: Wir prallten frontal zusammen und flogen weit durch die Lüfte. Ein Stunt wie kein anderer.
Quotation
Steven schaute mich an.Ich schaute Steven an. Eine ­vor­beigehende alte Frau mit Einkaufs­wagen schaute uns beide an. Wir konnten uns nicht mehr ­halten. Der Schock wandelte sich in ­grosses Gelächter.
Gregor Stäheli
Die Welt hielt den Atem an, und Stuntman Evel Knievel drehte sich irgendwo in Florida im Bett um. So kam es uns zumindest vor. In Wahrheit dauerte der Aufprall Sekundenbruchteile und sah vermutlich eher dämlich als cool aus.
Kennt ihr den Moment, wenn ein Kleinkind von der Schaukel fällt und zuerst gespannt auf die Mutter schaut, um dann zu entscheiden, ob es weinen soll? So ähnlich war das bei uns. Nachdem wir unfreiwillig von der Schwerkraft auf dem Asphalt hingesetzt wurden, schaute mich Steven an. Ich schaute Steven an. Eine vorbei­gehende alte Frau mit Einkaufswagen schaute uns beide an. In dem Moment konnten wir uns nicht mehr halten. Schock und Schmerz wandelten sich in grosses Gelächter. Die alte Frau schüttelte den Kopf und lief weiter.
Dieser banale Zusammenstoss wurde zum Running Gag für die kommenden Jahre. «Weisst du noch …», «und die alte Frau …». Ein Vorfall als Eisbrecher für jedes Wiedersehen. Es reichte eine Geste von zwei zusammenprallenden Fäusten, und mindestens ein Schmunzeln war garantiert. Mit jeder erneuten Erzählung wurde die Geschichte spektakulärer, wie das mit Kindheitserinnerungen halt so ist. Der Aufprall wurde heftiger, der Flug weiter und der Blick der alten Frau schräger. Und so wandelte sich ein nichtiges Ereignis zu einer ewigen Erinnerung.
In der rosaroten Retrospektive scheinen Freundschaften früher irgendwie tiefer gewesen zu sein als heutzutage. Wahrscheinlich liegt das daran, dass der Tag mehr Stunden hatte. Wir erlebten etliche Nachmittage zusammen. Heute reicht es maximal für ein Feierabendbier – ausser man ist bereits verabredet, muss auf die Kinder aufpassen oder ist einfach viel zu müde.
In solchen Momenten wünsche ich mir einen Steven zurück. Und mit ihm die Nachmittage. Dabei wäre es so einfach, solche Sandkastenfreundschaften heute wieder aufleben zu lassen. Es bräuchte nicht viel, würde aber vermutlich auf Unverständnis stossen. Stellt euch den Blick meines Nachbarn vor, wenn ich nächsten Mittwoch bei ihm klingle und frage, ob er zum Spielen rauskommt. Wir haben bis heute noch nie ein Wort geredet, aber ich habe zwei Skateboards dabei und wir könnten auf dem Besucherparkplatz ein paar Stunden Ollies üben. Wie schräg würde wohl mein Arbeitskollege schauen, wenn ich ihn zur Übernachtungsparty einlade. Er soll Chips und M&M’s mitbringen, PlayStation 2 und die „Matrix“-DVD habe ich.
Heute erwische ich mich oft dabei, etwas zu lange in Nostalgie zu baden. So lange, dass bereits das Herz etwas schrumpelig wird. Es ist verlockend, an die Einfachheit des Damals zu denken. Wahrscheinlich ein Schutzmechanismus, um sich nicht mit der Verrücktheit des Jetzt auseinandersetzen zu müssen. Mit jeder erneuten Erinnerung wird die Kindheit spektakulärer. Die Abenteuer wirken fantastischer, die Jahre scheinen länger gewesen zu sein als die heutigen, und die negativen Erfahrungen verblassen. Die Welt drehte sich halt noch in kleinerem Radius. An einem Nachmittag beispielsweise war es ein Radius von circa vier Metern auf dem Vorplatz einer Vorstadtsiedlung.
Steven und ich drehen übrigens keine gemeinsamen Runden mehr. Erst waren wir in unterschiedlichen Klassen, dann auf unterschiedlichen Schulen und mittlerweile leben wir in unterschiedlichen Städten. Wir haben uns bestimmt fast zwanzig Jahre nicht mehr gesehen oder gehört. Aber ich bin mir sicher, würden wir uns begegnen, würde dieser Bike-Stunt von damals in den ersten Minuten erwähnt werden und damit fast zwei Jahrzehnte verpasste Lebensabschnitte überbrücken. Quasi als Jumpstarter für eine stillgelegte Freundschaft. Und es wäre wieder wie damals, ein bisschen zumindest.
Es gibt die grossen Freundschaften, die viel Pflege benötigen, dafür aber ewig halten – wie bei einem Fahrradliebhaber mit seinem stolzen Bike. Dann gibt es Freundschaften, die überleben nur kurz, etwa so wie ein neues Gravelbike am Zürcher Hauptbahnhof. Doch was man nicht vergessen darf: Es gibt noch eine dritte Gruppe. Die Freundschaften, die auch nach Jahren der Vergessenheit funktionieren würden. Ich bin mir sicher, selbst am HB gibt es ein Fahrrad, das seit Jahren dort steht – auf wundersame Weise un­­berührt. Vielleicht ist nach den Jahren etwas Luft aus den Reifen und die Schaltung etwas einge­rostet. Aber nach ein paar Runden würde es sich irgendwie trotzdem wieder anfühlen wie früher.