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6 Gründe, warum „Gib ihm“ von Shirin David der Song des Jahres ist

© Red Bull
Autor: Jan Wehn
Jan Wehn erklärt den Song an dem es für ihn 2019 kein Vorbeikommen gab
Im Zuge des Red Bull Soundclash 2017 erzählte Deutschrap25 anhand von 25 Songs die Geschichte des deutschen HipHops und die Evolution des Genres – von 1992 bis 2016. Seitdem sprechen Jan Wehn und Visa Vie jährlich in Bonusfolgen im Red Bull Radio Podcast über den Song, der das vergangene Jahr erheblich geprägt hat. Um die Tradition auch für das Jahr 2019 aufrecht zu erhalten, haben sie sich zusammengesetzt und über die kulturelle Bedeutung von Shirin Davids Überhit „Gib ihm“ zu sprechen.

Der #Deutschrap25-Podcast: Moderatorin Visa Vie und Journalist Jan Wehn diskutieren in der dritten Bonusfolge 25+3 "Gib ihm":

Immer, wenn sich ein Jahr dem Ende zuneigt, häufen sich die Gespräche über Jahresendlisten. Wenn ich im Rahmen dieses vermeintlichen Experten-Austausches meine Top Ten aufzähle, dann nenne ich Songs von Summer Cem oder Luciano, von Max Herre oder RIN – und ich nenne „Gib ihm“ von Shirin David. Die Reaktionen reichen von irritiertem Stirnrunzeln oder ungläubigem Kopfschütteln bis hin zu schallendem Gelächter. Die!? Ja, die! Der Song!? Ja, genau der! Warum? Nun, das erkläre ich hier gerne noch mal in aller Ausführlichkeit.

1. Das Video ist on fleek

Unambitioniert vor der Kamera rumhampeln? Sollen andere. Als YouTuberin weiß Shirin David, wie wichtig das Visuelle ist. Folglich ist der Clip zu „Gib ihm“, für den sie mit dem 100BLACKDOLPHINS-Kollektiv zusammen gearbeitet hat, ein Musikvideo, das die Bezeichnung ausnahmsweise mal verdient: vom augenzwinkernden Disclaimer über aufwändig designte Bühnenbilder aus übergroßen Designer-Einkaufstüten bis hin zum Cast einer Horde Hundewelpen und einem aus tapferen Schneiderleins mit definierter Brustmuskulatur bestehenden Männer-Trio – alles für den Flex.

2. „Gib ihm“ ist Empowerment pur

Was musste sich Shirin für „Gib ihm“ und das dazugehörige Video nicht alles in den Kommentarspalten und Reaction-Videos anhören: Sie sei eine einfallslose Kopie von Cardi B oder Nicki Minaj, würde sich „billig“ geben und könne nicht rappen. Gut, manche fanden, Shirin würde sogar ganz okay rappen, kritisierten dann aber wiederum die Inhaltslosigkeit ihrer Texte. Die Musik sei viel zu materialistisch, es ginge nur um teure Klamotten, noch teureren Schmuck oder hochpreisige Autos. Die Arroganz und Selbstverständlichkeit mit der Shirin all das tat, stieß vor allem dem männlichen Publikum sauer auf, das über das hyperventilierende Hatertum komplett die eigene Doppelmoral vergaß. Frauen im Rap? Gerne, aber bitteschön nur als hübsches Beiwerk. Das Braggen und Boasten? Soll den Männern überlassen werden. Alles BS. Der beste Beweis? Shirin, die sich mit „Gib ihm“ vom Objekt zum Subjekt macht und einfach so gibt, wie sie es für richtig hält.
Shirin David, eine einfallslose Kopie von Cardi B oder Nicki Minaj?
Shirin David, eine einfallslose Kopie von Cardi B oder Nicki Minaj?

3. Shirin kann einfach gut rappen

Kommen wir nochmal auf den Punkt mit dem Rappen zurück: Während viele männliche Kollegen sich derzeit hinter Gesangskorrektursoftware und hittigen Hooks verstecken, flext Shirin was das Zeug hält. Die ausgebildete Sängerin hätte es sich leicht machen können, aber: „Gib ihm“ ist ein waschechter Rap-Song. Zwei mal 16 Bars, dazu 8 in der Hook, mit ordentlich Delivery, Flows, Adlibs und Attitude - and that’s it.
Musikerin und Youtuberin Shirin David
Musikerin und Youtuberin Shirin David

4. Props von den Kollegen

Neben den notorischen Nörglern auf der einen, hatte Shirin vor allem ihre Kollegen auf der anderen Seite. Für „Gib ihm“ gab es Props von Bonez MC, Farid Bang oder Fler, Elif, Katja Krasavice, Milonair oder Samra. Von allen bis auf Shindy durch die Bank weg gelobt zu werden? Muss man auch erstmal schaffen.

5. Der Sound ist perfekt

Produziert wurde „Gib ihm“ in den Kung Fu Studios in Berlin-Kreuzberg von den FNSHRS. Hinter dem kryptischen Crewnamen verbirgt sich ein Produzententrio, dessen Mitglieder für viele HipHop-Fans keine Unbekannten sein dürften: Paul NZA, Marek Pompetzki und Cecil Remmler. NZA und Pompetzki haben schon in den 2000ern jede Menge für Aggro Berlin produziert, um danach mit „Astronaut“ von Sido oder „Stadt“ von Cassandra Steen einige der größten hiesigen Pop-Hits der Dekade zu produzieren. Gemeinsam mit Cecil Remmler, übrigens dem Sohn von Trio-Gründer Stephan Remmler, gründeten die beiden das Projekt FNSHRS und produzierten nicht nur für Shirin, sondern auch für Ufo361.

6. Die Zahlen sprechen für sich

„Gib ihm“ brach nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung den ersten Rekord. In fünf Stunden und 52 Minuten knackte das Video zum Song auf YouTube die Millionenmarke. Eine Bestmarke, die bis dahin von Capital Bra und dessen Video zu „Berlin lebt“ (6 Stunden und 1 Minute) gehalten wurde. Mittlerweile wurde das Video mehr als 48 Millionen Mal angeklickt. Der Song selbst wurde alleine bei Spotify über 58 Millionen Mal gestreamt, schaffte es in Deutschland auf Platz 1 und in Österreich auf Platz 3 der Single-Charts, wofür es in beiden Ländern Gold gab.