Fußball
Paul Pizzera schreibt über ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick
Professor Ralf und die Rolle des Dirigenten: Musiker Paul Pizzera weiß, was gespielt wird – hier ist seine Hymne auf ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick.
PIZZERA & RANGNICK
Es gibt Trainer, die wirken wie Animateure in teuren Sneakers. Viel Energie, viel Gestik, viel „Männer, jetzt Vollgas!“. Und dann gibt es Ralf Rangnick. Bei ihm hat man das Gefühl, dass er nicht einfach Fußball trainiert, sondern ein gutes Orchester dirigiert. Jeder weiß, wann er laut sein muss, wann leise, wann er nach vorne muss, wann zurück. Und das Erstaunliche ist: Es schaut bei ihm nie nach Zufall aus. Sondern nach Plan. Nach einem sehr gescheiten Plan.
Der Spitzname „Professor“ ist bei anderen oft ein kleiner Seitenhieb. Bei Rangnick ist er eher eine nüchterne Berufsbezeichnung ohne Uni-Stempel. Der Mann erklärt Fußball so, dass man nach fünf Minuten das Gefühl hat: Natürlich, genau so muss das sein. Räume schließen, Räume öffnen, im richtigen Moment Druck machen, im richtigen Moment den Ball laufen lassen. Plötzlich klingt etwas, das vorher wie eine Geheimwissenschaft gewirkt hat, logisch. So logisch, dass man sich fragt, warum nicht schon früher jemand so klar darüber gesprochen hat.
Was ihn dabei so besonders macht: Er trägt seine Bildung nicht wie eine Auszeichnung vor sich her. Er ist keiner, der im Raum steht und dauernd beweisen muss, wie viel er weiß. Er weiß es einfach. Und er verbindet dieses Wissen mit einem offenen Blick auf Menschen. Rangnick schaut nicht bloß auf den linken Fuß, die Sprintwerte oder die Passquote. Er schaut auf den ganzen Menschen. Auf den Charakter, die Haltung, die Rolle in der Gruppe. Er versteht, dass eine Mannschaft keine Maschine ist, sondern eher wie eine gute Band: Der Sänger allein macht noch kein Konzert. Erst wenn Schlagzeug, Bass, Gitarre und die stilleren Typen im Hintergrund zusammenspielen, wird daraus etwas, das trägt.
Und genau dieses Gefühl für das Gefüge zeigt sich auch daran, dass er einen wie David Alaba nicht einfach wegen seiner Verletzung zu Hause lässt, sondern als playing captain mitnimmt – als jemanden, der als Charakter für das Team sehr wichtig ist.
Vielleicht taugt er mir auch deshalb so, weil er diesen seltenen Mix hat: hohe Ansprüche, aber kein Herabblicken. Er fordert viel, ohne die Leute klein zu machen. Er redet nicht so, als wäre Fußball eine Strafe für jene, die noch nicht alles begriffen haben. Sondern wie eine Einladung, gemeinsam besser zu werden. Das ist nicht nur modern, das ist auch menschlich. Und im besten Sinn inklusiv. Da geht es nicht darum, wer der Lauteste ist oder wer am schönsten jubelt. Da geht es darum, dass jeder eingebunden ist, jeder mitdenkt, jeder gebraucht wird.
Und genau deshalb macht diese Nationalmannschaft im Moment so viel Freude. Man schaut ihr zu und merkt: Das ist kein loses Sammelsurium talentierter Einzelspieler, die zufällig dieselben Farben tragen. Das ist eine Mannschaft. Eine richtige. Eine, die gemeinsam arbeitet, gemeinsam verteidigt, gemeinsam angreift. Wenn Österreich unter Rangnick presst, dann wirkt das nicht wie hektisches Hinterherrennen. Eher wie eine automatische Schiebetür: Sobald sich irgendwo eine Lücke auftut, ist sie im nächsten Moment schon wieder zu. Und wenn der Ball gewonnen wird, geht es nach vorne, zackig und entschlossen, als hätten alle denselben Gedanken zur selben Sekunde.
Das macht als Zuschauer einen Riesenspaß. Weil man genau spürt: Da steckt Mut drin. Da will nicht einer bloß irgendwie überleben. Da will eine Mannschaft das Spiel gestalten. Und das ist für ein Land wie Österreich schon etwas sehr Schönes. Wir sind ja manchmal Weltmeister im vorsichtigen Schauen, im skeptischen Nicken, im „Schau ma mal“. Dieses Team aber spielt nicht wie ein „Schau ma mal“. Es spielt wie ein „Jetzt probieren wir’s“. Mit Ordnung, aber ohne Angst. Mit Respekt, aber ohne Unterwürfigkeit. Und das ist auch ein Verdienst des Trainers.
Rangnick hat dem Team nicht nur Struktur gegeben, sondern auch Haltung. Er hat aus einzelnen guten Spielern eine gemeinsame Idee geformt. Das ist vielleicht überhaupt seine größte Stärke. Er baut nicht nur Taktik, er baut Überzeugung. Und Überzeugung ist im Fußball oft der Unterschied zwischen einer Mannschaft, die nur rennt, und einer, die weiß, warum sie rennt.
Ich mag auch, dass bei ihm nie das Gefühl entsteht, er wolle der Hauptdarsteller sein. Es gibt Trainer, die stehen am Rand wie Solisten, die auf ihren Applaus warten. Rangnick wirkt eher wie einer, der das Flutlicht auf die Mannschaft richtet. Der Rahmen ist wichtig, aber im Bild sollen die Spieler glänzen. Das sagt viel über ihn. Über seine Souveränität. Und auch über seine Größe.
Und wenn man sich anschaut, wie etwa ein Projekt wie der EM-Song „hoch gwimmas (n)imma“ entstanden ist, dann passt das ins Bild: eine Zusammenarbeit, die auf Augenhöhe passiert, wertschätzend, entspannt – und genau deshalb funktioniert.