Millionen folgen Arda Saatçis Extremsport-Challenges auf YouTube und Twitch. Er möchte, dass alle wissen: Solche Leistungen erbringt man nicht alleine! Hier erklären Arda und das Team Cyborg, wie man für etwas trainiert, das noch kein Mensch zuvor gewagt hat.
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Ultra 600: Highlight
Fünf Tage, über 600 km: Erlebe Arda Saatçis härteste Momente vom Start im Death Valley bis zum Zieleinlauf in L.A.
Die Einsamkeit des Cyborgs
Ein Leichtathletikstadion im tiefen Westen von Berlin, da, wo sich die Hauptstadt seit 1960 nicht verändert hat und niemand unter Hipster-Verdacht steht. Im weiten Rund über der Tartanbahn grasen zottelige Schafe und sind grandios unbeeindruckt von dem muskulösen Mann, der über die rote Bahn läuft und so wirkt, als könnte er dies bis zum Ende aller Tage tun. Es ist zehn Uhr. Um diese Zeit trinken die meisten ihren zweiten Kaffee. Arda Saatçi hat dann meist schon 30 Kilometer abgespult. Standardprogramm. Systempflege.
Außer ihm sind noch zwei andere Läufer unterwegs. Ein Mittfünfziger stakst langsam die Gerade entlang. Ein muskulöser Dad zieht seinen kleinen Sohn im Anhänger hinter sich her. Die Betontribünen sind leer. Die Schafe kauen. Jeder hat seine eigene Pace. Jeder ist auf seiner eigenen Reise.
Cyborg – so nennt das Netz den 28-Jährigen, wenn er die Grenzen des Möglichen neu definiert. Wie in diesem Frühjahr bei der Red Bull Cyborg Season – Ultra 600, als er über 600 Kilometer nonstop, unterbrochen nur von kurzen Naps, aus dem Death Valley ans Meer lief. „Ein nettes Kompliment“, sagt Arda. Halb Mensch, halb Maschine. Ein Player aus der Zukunft, ohne Angst und mit endloser Energie. Aber in der Science-Fiction-Literatur ist der Cyborg auch immer ein einsames Wesen. Gefangen zwischen der Welt der Roboter und jener der Menschen. Unfähig, Gefühle zu haben. Kalt. Fremd. „Meine Mama mag den Spitznamen nicht so“, sagt Arda und lacht einen so warm an aus seinen braunen Augen, dass man sofort merkt: Man muss sich keine Sorgen machen um ihn.
Die Crew erlebt eine extrem intensive Zeit mit mir. Wenn ich Schmerzen habe, wenn ich gut gelaunt bin. Alle Highs und Lows. Das schweißt zusammen.
Zwischen den Trainingseinheiten steht Arda in einer Gruppe von sechs jungen Leuten. Sie stehen eng beieinander, die Arme auf den Schultern des anderen, Team Huddle als Grundhaltung – dann brechen sie in lautes Lachen aus. Arda in der Mitte. Ein Cyborg, der sein soziales Netz pflegt und ein Team hinter sich hat, ist vielleicht wirklich unbesiegbar.
Das soziale Netz
Bei Kilometer 300 der Cyborg Season hörte Arda plötzlich Schritte hinter sich. Viele Schritte. Er war seit mehr als 50 Stunden unterwegs, alleine auf einer endlosen Straße, die schnurgerade durch die Wüste führt. Anil, sein Manager. Gzim, sein Physiotherapeut. Ardit, sein Video Editor. Die anderen Jungs aus dem engsten Kreis. Sie hatten gemerkt, dass es ihm schwerer fiel, und liefen ein paar Kilometer mit. Auch die, die eigentlich gar nicht laufen. Auch die, die selbst seit mehr als zwei Tagen wach waren. Er hatte noch über 300 Kilometer vor sich. Aber plötzlich nicht mehr allein.
Team Cyborg war seit zehn Monaten gemeinsam unterwegs. Arda, der lange von einer Fußballkarriere geträumt hatte, glaubt an den Herberger-Satz, dass ein gutes Team echte Freundschaften braucht. „Wir verbringen so viel Zeit miteinander“, sagt er. „Erleben uns in extremen Zuständen. Da muss es passen.“ Teamchemie. Vibe. Nenn es, wie du willst.
In den letzten Jahren, die großen Erfolg und Aufmerksamkeit gebracht haben, ist das Team immer weiter gewachsen – aber nicht durch Rekrutierungsprozesse oder eingesandte Lebensläufe. Fragt man die Jungs, wie sie bei Arda gelandet sind, hört man immer die gleiche Geschichte: „Ich kannte ihn über einen Freund. Dann haben wir uns getroffen, und es hat ‚Klick!‘ gemacht.“ Anil, sein Manager, lernte Arda über gemeinsame Kontakte in der Berliner Creator- und Fußballszene kennen – und hat seitdem Videoeditoren und Fotografen gefunden, die nicht nur ihr Metier beherrschen, sondern zum Team passen müssen. „Man darf hier kein Ego haben“, sagt Anil, „sondern muss für die Sache brennen.“ Das sind keine Phrasen, merkt man im Gespräch. Er erzählt, dass sich ihre Großväter bereits in den Siebzigerjahren kannten. Man spürt: Er fühlt das. Es ist Schicksal für ihn.
Jede Cyborg Season bringt neue Teammitglieder – und neue Freunde. „In zehn Wochen Campingmobil lernt man sich besser kennen als in zehn normalen Jahren“, sagt Daniel, der Fotograf. Arda nickt: „Sie erleben eine extrem intensive Zeit mit mir. Sie lernen mich kennen, wenn ich Schmerzen habe, wenn ich müde bin, wenn ich gut gelaunt bin. Alle Highs und Lows. Und das schweißt zusammen.“
Elf Freunde hat der innere Kreis noch nicht, aber es werden jede Saison mehr. Und genau wie in einer Fußballmannschaft gibt es klare Rollen: Arda ist Motor und Kapitän, der die Richtung vorgibt. Und wie in jedem Team gibt es den Dauerläufer, die Vaterfigur, den Alleskönner.
„You vs. You“ ist eines von Ardas Mottos. Er meint damit, dass man sich nicht von außen unter Druck setzen lassen soll. Dass man sich eigene Ziele setzt und seinen eigenen Weg verfolgt. Aber das heißt nicht, dass man ihn allein gehen muss. Er hat Daniel, Vincent, Anil und die anderen. You vs. You ist gut. Noch besser ist: We vs. Me.
Der Urknall eines Universums
Mit achtzehn musste Arda sich eingestehen, dass das mit der Karriere als Fußballprofi nichts werden würde. Er spricht nicht über eine Knieverletzung, die den Traum zerstörte. Er sagt ehrlich: „Es hat nicht gereicht. Ich hab mein Potenzial nicht ausgeschöpft.“ Ein Niederschlag. Ein Urknall, der alles änderte.
Vom Mannschaftssport Fußball wechselte er zum Boxen. „Ich habe einen Sport gesucht, in dem ich keine Ausreden mehr habe“, sagt er. „Beim Fußball kann man den Misserfolg immer auf die falschen Laufwege der Mitspieler schieben. Beim Boxen bin ich ganz allein schuld, wenn ich auf die Nase bekomme.“ Niemand läuft für dich. Du musst liefern.
Arda beginnt mit Krafttraining und Langstreckenläufen, steht während des BWL-Studiums um vier Uhr morgens auf und läuft 30 Kilometer, bevor die erste Vorlesung beginnt. In dieser Zeit lernt er den Streamer Elias Nerlich kennen, der ihn und seinen Sport promotet. Er arbeitet als Personal Trainer, bereitet einen Creator auf ein Promi-Boxduell vor – und trifft dabei auf den Videografen Paul Schalles, der ihn kurzerhand in seiner Hamburger WG aufnimmt. „Man hat sofort gemerkt, dass man seine Geschichte erzählen muss“, erinnert sich Paul. „Ich dachte nur: Das muss raus in die Welt.“
In der WG-Küche entwerfen die beiden die YouTube-Strategie. Pauls Rezept klingt einfach: „Er hat nicht ein Kameragesicht und ein privates Gesicht. Er ist einfach er selbst. Man muss draufhalten und echte Momente einfangen.“ Seitdem sind die Zahlen stetig gewachsen – die Followerzahlen von ein paar Hundert auf mehrere Millionen gestiegen, die Challenges immer anspruchsvoller. In einem Punkt jedenfalls sind sich alle Teammitglieder einig: Die Kurve geht stetig nach oben, sagt Vincent, sein ältester Freund – aber Arda ist immer noch Arda.
Der entscheidende Punkt
Wenn man einen Weg zum allerersten Mal in der Geschichte der Menschheit geht, gibt es keinen Reiseführer, keine Trainingspläne, keine Erfolgsrezepte. Dann muss man kreativ werden. Arda hatte das Ziel ausgegeben: 600 Kilometer in 96 Stunden durch die Wüste. „Ich bin von Experten umgeben, die mir helfen, mich vorzubereiten“, sagt er. Aber wie bereitet man sich im Berliner Winter auf die Wüste vor?
Um die Monotonie zu trainieren, rannte er 100 Kilometer um den Block. Sah morgens die Bäckersfrau den Laden aufschließen und abends die Jalousie herunterlassen. Er trug vier Pullover, um Hitzestress zu simulieren. Er rannte acht Stunden auf dem Laufband, mit Blick auf die Wand, ohne Musik, alleine.
Millionen Fans haben Arda online Tag und Nacht bei seinem Lauf begleitet.
© Cameron Moon/Red Bull Content Pool
Fragt man Gzim, seinen Physiotherapeuten, der Ardas Körper besser kennt als jeder andere, nach dessen Superkräften, startet er eine Liste: „Arda ist ein Bulle, er hat enorme Resilienz. Kriegt einen Krampf und läuft am zweiten Tag ganz normal.“ Aber was ihn besonders mache, sei seine Fähigkeit, Monotonie auszuhalten. „Das kann er wie kein anderer. Ich weiß nicht, welche Tür er in seinem Kopf öffnet und wo er dann ist.“
Ab einem bestimmten Punkt bist du als Spitzensportler allein, sagt Arda. Der Fußballer am Elfmeterpunkt. Der Bergsteiger in der Todeszone. „Dann musst du dein größter Supporter sein“, erzählt er. Keine Kamera. „Du bist stark genug. Mach dir keine Sorgen. Weiter. Immer weiter.“ Arda sagt, er würde laufen, „bis ich umkippe“. Er gibt zu, dass es ihm schwerfällt, Kontrolle abzugeben. Aber er weiß auch, dass es Grenzen gibt.
Auf dem Bildschirm verfolgt Gzim während des Rennens die Vitaldaten in Echtzeit. Vieles lässt sich kalkulieren. Lebensmittel zuführen, ohne Stress. 90 Gramm Carbs. Ein Liter Wasser. Ein Gramm Salz. Vegane Gummibärchen. Aber irgendwann steigt der Puls schneller als die Abrufzahlen des Livestreams. 130. 140. 153. Für viele Sportler ist das okay, Zone 3. „Aber wir reden von Arda“, sagt Gzim. „Dem Cyborg, der auch nach 70 Kilometern bei 130 bleibt.“ Er wusste: Arda hat ein Problem. Er bekam einen Hitzschlag. Halluzinationen. Die Kakteen schlängelten sich in der Luft, die Markierungen auf der Straße leuchteten in Neonfarben. Aber Arda hatte vor allem Angst vor einer Sache: dass sie ihn aus dem Spiel nehmen. Dass sie das Handtuch werfen.
Ich will, dass die Leute, die unsere Videos sehen, denken: So sollte man miteinander umgehen.
Arda lag glühend auf der Liege. Sein Manager Anil war „komplett fertig“. Er telefonierte mit Ardas Mama, der er versprochen hatte, dass ihr Sohn gesund zurückkehrt. Mit dem Arzt des Red Bull Athlete Performance Centers in Kalifornien hatte Gzim ein Notfallprotokoll entwickelt. „Am Ende ist es Intuition“, sagt er. „Wie geht es ihm wirklich?“ Er macht eine Pause. „Das sind Grenzgänger, die Jungs.“ Sie warteten. Es wurde kühler.
Es ging. Weiter. Gzim sagt: „Eigentlich hatte ich nie Zweifel, dass er ankommt.“
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Arda ist Fan von Beşiktaş Istanbul und weiß, dass sportliche Performance konkrete Folgen für die psychische Gesundheit von Fans hat. „Beşiktaş ist so schlecht“, sagt er, lachend und leidend zugleich, seit fünf Jahren ohne Meisterschaft. Vielleicht ist das ein Grund, warum er sich schämte, nachdem er das Meer erreicht hatte – aber das Ziel von 96 Stunden nicht hatte einhalten können. „Alle haben so hart für mich gearbeitet“, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, ich hätte sie enttäuscht.“ Aber dieses Gefühl hielt nicht lange an. Das Feedback aus dem Netz. Sein Team. Er verstand, dass er Menschen inspiriert und ihnen Energie gibt. Als er das Stadion verlässt, hupen Leute in den Autos, er winkt freundlich, macht Selfies. Ist für sie da.
Im Fußball gibt es Tabellen, im Sprint Siegerlisten. Bei Arda Saatçi, der in einer eigenen Liga spielt, gibt es nur den Vergleich mit sich selbst. „Der Tabellenplatz ist mein gestriges Ich“, sagt er. Täglich findet in seinem Kopf das ultimative Lokalderby statt. Eigentlich, so der Cyborg, ist das Leben doch einfach: „Willst du dein Ziel erreichen? Dann mach es. Wenn nicht – leg dich hin.“
Er ist noch nicht fertig. Will eine der einflussreichsten Personen in der Kategorie Sport sein. Einer der Athleten, die man kennt. Am liebsten säße er mit seinen Idolen am Tisch: CR7, den er wegen der Gier bewundert. MMA-Kämpfer Khabib, den er wegen der Demut schätzt. Muhammad Ali, der die Gesellschaft verändert hat. „Es geht nicht um Rekorde“, sagt er, „sondern darum, Menschlichkeit zu feiern.“
Genau da kommt das Team wieder ins Spiel. „Ich will, dass Leute, die unsere Videos sehen, denken: So sollte man miteinander umgehen“, sagt Arda Saatçi. Respekt. Anerkennung. Wertschätzung. Nähe. Wärme. Ehrlichkeit. Im Stream kann man das Team bei der Arbeit sehen, kann sehen, dass auch seine Freunde nicht schlafen. „In den Hotelzimmern – alles benutzt außer dem Bett“, sagt Anil. Auf YouTube, aus der Ferne und doch nah, spürt man diese Wärme. Sie ist ebenso Grund für den Erfolg wie die unfassbaren Leistungen. Vincent sagt: „Es fühlt sich nicht an wie Arbeit. Es macht Spaß, auf unserer Reise zu sein.“
Und die geht weiter. Die Idee für das nächste Projekt, erzählt Arda, entsteht meist in der letzten Phase des aktuellen. Während er auf Santa Monica zulief, mit Polizeieskorte, Mama und Freunden am Pier, dachte er vermutlich schon über das nächste Abenteuer nach. „Ich brauche diesen Gänsehautmoment“, sagt er. „Dass ich spüre: Das bringt mich komplett aus meiner Komfortzone und hebt mich auf ein neues Level.“ Was als Nächstes kommt, wissen nur Arda und seine Freunde. Und gerade stecken sie bestimmt ihre Köpfe zusammen, um den Körper bereit zu machen. Und dann macht bestimmt jemand einen blöden Witz. Und genau darum geht es.
Styling: Soo-Hi Song; Hair and Make-up: Nadin Wagner
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