Es gibt eine alte Filmaufnahme, in der Nick Romeo Reimann gefragt wird, wie viele Autogramme er an diesem Tag bereits geschrieben habe. Im Hintergrund kreischen unzählige Mädels und wohl auch ein paar Jungs. „Heute schon 800“, sagt der Achtjährige und stützt seinen Kopf leicht gelangweilt in die rechte Hand. „Und diese Woche?“, fragt die Interviewerin. „Boah, 8993 oder so was“, sagt Nick.
Ob der Knirps in diesem Moment die Interviewerin auf den Arm nimmt oder ob der Achtjährige das mit den Zahlen einfach noch nicht so richtig hinbekommt, das verrät die Aufnahme nicht. Was sie allerdings verrät: Achtjährige können ziemlich selbstbewusst und unerschrocken sein.
Rund zwanzig Jahre später sitzen wir bei Eierspeise und Schinkenbrot in einem Kaffeehaus in der Wiener Innenstadt. Nick Romeo Reimann lächelt noch immer dieses entwaffnende Nick-Romeo-Reimann-Lächeln mit leicht geöffnetem Mund und schaut auch sonst dem Kind von damals ziemlich ähnlich. Die Haare kürzer und strubbeliger, dafür spannen sich unter der schwarzen Lederjacke die auftrainierten Muskeln. „Was manche Schauspieler ihr Leben lang nicht erreichen, das hatte ich alles bereits als Kind“, sagt er und erzählt, wie er bei einem Kindergeburtstag das erste Mal „Die wilden Kerle“ gesehen hat.
Ich bin unbeschadet herausgekommen: Aber klar, der frühe Erfolg hat mich verändert.
Sechs war Nick damals und mindestens genauso fußballverrückt wie die Jungs im gerade in den Kinos angelaufenen Kinofilm. „Ich wusste sofort: This is my world!“ Mit Unterstützung seiner Eltern bewarb er sich fürs Casting für den dritten Teil des Blockbusters, und ein Jahr später, als er sieben war, verbrachte er die Schulferien bereits neben den beiden Ochsenknecht-Brüdern vor der Kamera. Mit acht war er dann deutschlandweit bekannt.
Nick war Nerv, furchtlos, frech und das jüngste Crew-Mitglied der Abenteuerbande. Die Filmreihe lockte damals Heerscharen jüngerer Zuschauer in die Kinos, und Nick, der behütet in München aufgewachsene Volksschüler, war plötzlich ein Kinderstar – samt Promo-Touren, Auftritten bei Johannes B. Kerner, unzähligen Interviews und noch viel mehr Autogrammen. Nach drei „Wilde Kerle“-Teilen folgte die Hauptrolle im Blockbuster „Vorstadtkrokodile“ (Nick spielte Hannes an der Seite von Nora Tschirner) samt zwei Fortsetzungen, schließlich die Hörspielreihe „Gregs Tagebuch“, wo Nick die Sprecher-Rolle des Greg übernahm.
Doch dann war erst mal Schluss. Nick konzentrierte sich wieder ganz auf die Schule.
Schwuler Engel mit Pin-up-Body
„Ich bin da relativ unbeschadet wieder herausgekommen“, sagt Nick Romeo Reimann heute, „aber natürlich hat mich der frühe Erfolg verändert.“ Gerade hat der NDR eine Doku über Kinderstars gedreht, darüber, wie schwierig es für viele ist, nach dem frühen Ruhm im Erwachsenenleben Fuß zu fassen. Nick war eines der drei ehemaligen Kinder, die porträtiert wurden. Die Filmcrew begleitete den Schauspieler unter anderem auf die Bühne des Wiener Volkstheaters, wo er gerade einen schwulen Engel in der Erfolgsproduktion „The Boys Are Kissing“ mit Pin-up-Body und umgeschnallten Federflügeln gibt, und zu Drehs nach München und ins norddeutsche Ratzeburg, wo er für „Adams Acht“ vor der Kamera stand.
Der Film handelt von dem legendären deutschen Ruder-Achter und dessen Trainer Karl Adam, die bei den Olympischen Spielen in Rom 1960 als absolute Außenseiter in einem spektakulären Endspurt die Goldmedaille holten. Ein Film ganz nach Nicks Geschmack: eine Erfolgsstory mit vielen Hürden (Adam war NS-vorbelastet), eine sportliche Herausforderung (Nick absolvierte als einer der acht Ruderer ein Hardcore-Trainingsprogramm), ein Star-Cast (neben Oliver Masucci als Adam spielen Felix Kammerer, Svenja Jung, Axel Milberg und Heino Ferch).
Und für Nick die Rückkehr auf die große Leinwand. „Ich dachte bereits, der Zug sei abgefahren“, sagt er noch immer etwas ungläubig im Wiener Kaffeehaus. Nach der Schauspielschule in München wurde Nick zwar sofort vom Wiener Volkstheater unter Vertrag genommen, das Kino und das Fernsehen zeigten dem ehemaligen Kinderstar aber die kalte Schulter: „Ich hatte ein Jahr lang nur Absagen bei Filmcastings, dann ein zweites Jahr nur Absagen, schließlich ein drittes Jahr.“ Insgesamt waren es 65 No-sorry-Mails, Nick führte Buch. Er war verzweifelt. Mit jeder Absage stieg bei Nick allerdings auch die Gewissheit, dass er seine Karriere selbst in die Hand nehmen müsse, wenn das schon kein anderer für ihn machte. Die kindliche Unerschrockenheit, sie ist Nick Romeo Reimann auch als Erwachsenem geblieben. „Ich bin diszipliniert und willensstark – und kann ziemlich unnachgiebig sein.“
Ich habe 65 Absagen bei Filmcastings bekommen. Ich musste meine zweite Karriere selbst in die Hand nehmen.
Also stürzte er sich neben seinem festen Theaterengagement in freie Projekte, für die er selbst brannte, als Schauspieler und Regisseur („Fugue Four : Response“) und sogar als Ausstellungsmacher („Rage is a good Feeling“ in Baden bei Wien). „Ich kann nicht anders“, sagt er. „Wenn mich etwas packt, dann ist es um mich geschehen.“
Als Kind war es das Skaten, das ihn nicht mehr losließ, als Jugendlicher die Bibel, die er jahrelang fast manisch las – heute sagt er: „Ich bin nicht religiös.“ In der Vorbereitung zu „Adams Acht“ kippte Nick schließlich in den Sport: Neben dem Rudertraining formte er mit vielen Trainings- und Ernährungstabellen seinen Körper, bis er schließlich zehn Kilo Muskelmasse mehr hatte – und das bei einem Körperfettanteil von gerade einmal sieben Prozent. „Nur weil ich ins Gym gehe“, sagt Nick, „bin ich kein toxischer Typ. Ich brauche das einfach.“
Auch als Nick die Kurzgeschichte „Alvin“ des dänischen Schriftstellers Jonas Eika las, packte ihn die Leidenschaft. Nick wusste: Die Story dieses reichen, emotional distanzierten jungen Traders musste er verfilmen. Gemeinsam mit Olivia Axel Scheucher (zusammen realisierten sie die meisten von Nicks freien Projekten) organisierte Reimann ein Crowdfunding, um an die nötigen Mittel für das Filmprojekt zu kommen.
Den Rest des Geldes erwirtschaftete er selbst – durch Trading: „Ich habe auf die Underperformance von Altcoins gegenüber Bitcoin und Ethereum gesetzt“, erklärt er. „Das hat ziemlich gut geklappt. Als ich das Geld beisammenhatte, habe ich Trading dann aber wieder sein lassen.“ Die Dreharbeiten für „Heatmap“ sind mittlerweile abgeschlossen, spätestens im Herbst soll der Film in die Kinos kommen.
Der Musterschüler lässt locker
Zu diesem Zeitpunkt, genauer ab 9. September, wird auch „Adams Acht“ im Kino laufen – und Nick Romeo Reimann zumindest für einen kurzen Moment durchatmen können. Die viele Arbeit, die strenge Disziplin, der unbedingte Wille, es zurück auf die große Leinwand zu schaffen – sie haben sich also ausgezahlt? Ja, sagt Reimann, allerdings habe er in den vergangenen Jahren etwas gelernt, das einem Arbeitstier wie ihm nicht immer gefällt: „Disziplin allein führt nicht notwendigerweise zu besserer Kunst. Noch wichtiger ist, sich zu öffnen, etwas von sich selbst preiszugeben, Risiken einzugehen.“
Vielleicht ist es genau das, was man von dem mittlerweile 28-Jährigen, der es an Erfahrung mit vielen Menschen aufnehmen kann, die mindestens doppelt so alt sind, lernen kann: So wichtig es ist, Biss zu haben, so wichtig ist es auch, mal lockerzulassen. Oder um es mit den Worten Nicks zu erklären: „Ein Regisseur hat einmal zu mir gesagt, dass ihn Schauspieler nerven, die ihren Beruf wie einen Sport behandeln. Die perfekt vorbereitet sind, immer alles kontrollieren wollen, alles analysieren und bewerten.“ Zusatz: „Das hat mich sehr getroffen, weil ich mich darin wiedererkannt habe.“
Bereits als Kind war Nick einer derjenigen, die in Tränen ausgebrochen sind, wenn es in der Schule nur einen Dreier für einen Test gab; an der renommierten Otto Falckenberg Schule in München, wo er seine Schauspielausbildung machte, galt Nick als Musterschüler. Auf der wirklichen Bühne und auch vor der Kamera gelten aber andere Regeln.
Ironischerweise war es jene Rolle, derentwegen Reimann 2025 für den wichtigsten österreichischen Theaterpreis, den Nestroy, nominiert wurde, die ihn fast aus der Bahn warf: In „Krankheit oder moderne Frauen“, einem frühen Stück der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, sollte Reimann am Wiener Volkstheater den Conferencier, den sogenannten „Weißclown“ geben, eine Kunstfigur, die er minutiös einstudierte, zu der er aber keinen rechten Zugang fand: „Ich bin komplett an meine Grenzen gestoßen. Bis ich meine völlige Ratlosigkeit offen zugegeben und mich dadurch ‚nackig‘ gemacht habe. Ich habe mich wie ein Anfänger gefühlt und mich dafür geschämt.“ Was dann passiert ist? „Ab dem Moment“, sagt Reimann, „in dem ich meine Angst in die Arbeit eingebracht habe, lief es.“
Unser eigenes Filmprojekt habe ich durch Trading finanziert: Ich habe auf Bitcoin und Ethereum gesetzt.
Die Rolle in Claudia Bauers gefeierter Inszenierung wurde (neben einem Publikums-Nestroy zwei Jahre zuvor) zu Nicks größtem Erfolg am Theater – und zu einem Best-Practice-Beispiel, wie Reimann mittlerweile auch an andere Arbeiten herangeht, etwa an die Comedyserie „Highter & Wolkig“, die am 20. April auf RTL2 anläuft.
Nick spielt darin den hyperaktiven Möchtegernmanager Korbi, der zusammen mit dem „Berufskiffer“ Wolke in einem Provinznest das erste legale Cannabis-Café Deutschlands eröffnen will. „Ich habe das Drehbuch mehrfach komplett gelesen, mir aber nur grobe Punkte notiert, keine detaillierten Spielanweisungen“, sagt Nick. „Mein Ziel war, vorbereitet zu sein, aber im Moment des Drehs frei zu bleiben. Das hat super funktioniert.“
Mobbing abseits der Kamera
Frei sein, das ist ein Wort, das an diesem Vormittag im Wiener Kaffeehaus öfter fällt – als wolle sich der ehemalige Kinderstar, für den es das größte Lob war, wenn ihn jemand „Profi“ nannte, endlich von den Fesseln des frühen Erfolgs befreien. In der Doku „Kinder-Schauspieler“ auf NDR werden auch Aspekte von Nicks früher Karriere thematisiert, über die er bisher selten sprach: wie er als Achtjähriger von den anderen, wesentlich älteren Kinderdarstellern gemobbt wurde und er abseits der Kamera plötzlich nicht mehr Teil der Bande war. „Ich habe schon früh eine unglaubliche Kälte und Härte erlebt.“
Das hat Nick Romeo Reimann allerdings auch stark gemacht – und seinem Selbstbewusstsein bis heute nicht geschadet. Als er damals als Achtjähriger bei Johannes B. Kerner saß, wurde Nick vom Talkmaster gefragt, was einen „wilden Kerl“ ausmache. „Man soll sich nicht von anderen alles sagen lassen“, sagte er damals nach kurzem Stocken. „Man soll seinen eigenen Weg gehen.“ Zusatz: „Und man soll in der Schule keine Fensterscheiben einschießen.“
Kurzbiografie: Nick Romeo Reimann
Nick Romeo Reimann (*1998 in München) ist ein deutscher Schauspieler. Bekannt wurde er als Kind durch seine Rolle als Nerv in „Die wilden Kerle 3–5“ und als Hannes in der Filmreihe „Vorstadtkrokodile“. Später sprach er die Hauptfigur in der Hörspielreihe „Gregs Tagebuch“. Nach seiner Ausbildung an der Otto Falckenberg Schule in München arbeitet er vor allem am Wiener Volkstheater und wirkte in Produktionen wie „Adams Acht“, „The Boys Are Kissing“ und „Highter & Wolkig“ mit. Neben der Schauspielerei realisiert er eigene Film- und Kunstprojekte wie „Heatmap“, Trader und liebt Sport als Ausgleich.
Häufige Fragen zu Nick Romeo Reimann
- Wer ist Nick Romeo Reimann? Nick Romeo Reimann ist ein deutscher Schauspieler, der als Kinderstar durch die Filme „Die wilden Kerle“ und „Vorstadtkrokodile“ bekannt wurde und heute vor allem am Wiener Volkstheater sowie in Film- und Serienproduktionen arbeitet.
- In welchen Filmen und Serien spielte Nick Romeo Reimann mit? Zu seinen bekanntesten Projekten gehören „Die wilden Kerle 3–5“, „Vorstadtkrokodile 1–3“, die Hörspielreihe „Gregs Tagebuch“, der Kinofilm „Adams Acht“, die Theaterproduktion „The Boys Are Kissing“ sowie die RTL2-Comedyserie „Highter & Wolkig“.
- Was macht Nick Romeo Reimann heute? Heute arbeitet er als Theater- und Filmschauspieler, Regisseur und Ausstellungsmacher. Er realisiert freie Projekte wie den Film „Heatmap“, tritt am Wiener Volkstheater auf und ist regelmäßig in Serien- und Kinoproduktionen zu sehen.
- Wie ging Nick Romeo Reimann mit dem frühen Ruhm als Kinderstar um? Reimann spricht offen über den Druck, Mobbing-Erfahrungen am Set und die vielen Absagen in den Jahren nach seiner Kinderkarriere. Er betont, wie wichtig Disziplin, aber auch Offenheit, Verletzlichkeit und das Loslassen von Perfektionsansprüchen für seine heutige Arbeit als Schauspieler sind.