Die Horrorcore-Legenden Gravediggaz
© David Corio/Redferns/Getty
Music

Das sind die wichtigsten Subgenres des HipHop

Gangsta. Trap. Cloud Rap. Seit den späten 70er-Jahren hat HipHop unzählige Subgenres hervorgebracht. Wir stellen dir die Wichtigsten davon vor.
Autor: Richard Stacey
12 min readveröffentlicht am
Wenn es eine Sache gibt, die HipHop-Fans noch mehr lieben als solchen zu hören, dann ist das, über HipHop zu diskutieren - vor allem darüber, was das Genre charakterisiert. Wie KRS One von Boogie Down Productions einmal sagte: "Rap ist etwas, was du machst, während HipHop etwas ist, was du lebst" - eine nützliche Philosophie, die man nicht aus dem Blick verlieren sollte. HipHop und dessen Subgenres lassen sich über die Herkunft des Künstlers und dessen Lifestyle defineren - genauso über den Sound und die Themen, die dieser anspricht.
Seit seiner Geburt in den späten 70er-Jahren hat dieses Genre einige einzigartige Stile hervorgebracht, die sich beständig weiterentwickelt haben...

Backpack

Die sogenannten "Backpackers" waren in den späten 90er-Jahren diejenigen, die sich dem glatt polierten, weniger provozierenden und eher dem Mainstream zuzurechnenden Stil entgegengestellt haben. Der Name spricht das Cliché der Rucksack tragenden Fans an, die darin ihre College-Books, Rhyme-Pads, Sprühfarbe und ihre Vinyls immer bei sich haben.
Rawkus war eines der beliebtesten Labels unter den Backpackers. Es veröffentlichte klassische Alben von Künstlern wie Mos Def und Company Flow, bevor es die ultimative Sünde beging und sich an Interscope verkaufte. Dennoch, so gut wie alles, was Company Flow produzierten und was unter Def Jux, dem Label des Run The Jewls-Stars El-P, veröffentlicht wurde, waren essenziell für dieses Subgenre - nicht zu vergessen, die frühen Arbeiten des kalifornischen Producers Madlib.
Bestes Hörbeispiel: Mos Def - Mathematics

Boom Bap

Boom Bap ist eine Referenz an die schwere Kick-Drum ("Boom") und an das darauf folgende, knackige "Bap" der Snare, üblicherweise in einem moderaten Tempo und mit dermaßen vielen Höhen gemixt, dass es kaum möglich ist, Songs zu hören, ohne dass dir der Kopf hüpft. Man kann behaupten, dass gerade in den frühen Tagen jeder HipHop-Track als Boom Bap zu bezeichnen gewesen wäre, auch wenn die Bezeichnung erst 1984 mit T La Rocks Outro auf "It's Yours" eingeführt wurde. Der Sound, der hier beschrieben ist, bildet sozusagen das Herz des HipHop ab - bei den frühesten Breakbeats angefangen über die Sampling-Innovationen von Marley Mal bis hin zur goldenen Ära der New Yorker Rap-Music, als Künstler wie DJ Premier, Large Professor und Pete Rock Boom Bap definierten.
Bestes Hörbeispiel: Gang Starr – Just To Get A Rep

Cloud Rap

"Cloud Rap" ist ein Begriff, der sich im Jahr 2010 mit dem selbsternannten "Based God" Lil B durchgesetzt hat und versucht, den verträumt klingenden Sound dieses Subgenres zu beschreiben. Seitdem bezeichnet er eine ganze Welle an Künstlern, die auf abstrakte und atmosphärische Soundlandschaften setzen, die sich eher zur meditierenden Instrospektion im eigenen Schlafzimmer eignen und dadurch weniger mit dem traditionellen HipHop gemein haben. Berühmte Vertreter sind Clams Casino, Main Attrakionz und A$AP Rocky.
Bestes Hörbeispiel: Main Attraktionz – Chuch

Conscious HipHop

In seiner gesamten Breite schließt dieses Genre alle Rap-Songs mit ein, die die Standards ihrer Zeit bewusst miteinbeziehen - angefangen bei Melle Mels Vision der städtischen Armut, über "The Message" von Grandmaster Flash And The Furious Five bis hin zu J Coles Reflexionen über Sucht in "KOD". Am öftesten wird von "Conscious HipHop" gesprochen, wenn es um Künstler geht, die den Fokus auf soziopolitische Probleme legen. Denk nur an Akala, Dead Prez, Talib Kweli und Boots Riley von The Coup, die genauso als Aktivisten gesehen werden, wie sie Künstler sind. Im engeren Sinne umfasst das Genre auch solche Rapper, die auf rassenpolitisches Denken aufmerksam machen wie etwa Public Enemy, Paris und X-Clan in den frühen 90ern. Seit 2010 schlägt auch Kendrick Lamar in diese Kerbe.
Bestes Hörbeispiel: Black Star – Definition

Crunk

Für eine lange Zeit während der 90er war das Wort "Crunk" nicht mehr als ein Abkömmling des südlichen Slangs, der nicht mehr bedeutete, als gehypt und aufgeregt zu sein. Hier und da tauchte es auf den verschiedensten Alben auf, etwa auf dem Debüt von Outkasts "Player's Ball" oder auf "Getting Crunk" von Tommy Wright III. 1997 eigneten sich Lil' Jon & The Eastside Boyz das Wort mit dem Release von "Get Crunk Who You Wit" effektiv an. Ab diesem Zeitpunkt verwies es auf schwere, mid-tempo proto-trap-artige Club-Beats, geschmückt mit schreienden und gesungenen Slogans wie "represent your shit, motherf**ker" und "bounce your ass to the beat while you touch your feet".
Bestes Hörbeispiel: Lil Jon & The East Side Boyz – Get Low

Drill

Die Wurzeln von Drill liegen im Jahr 2011 in Chicago, während das Genre mit der bahnbrechenden Hymne "I Don't Like" von Chief Keef im Folgejahr globale Aufmerksamkeit erhielt. Für alle, die nicht gerade leidenschaftliche Fans sind, lässt es sich nur schwer von Trap abgrenzen - zumindest musikalisch. Der Unterschied liegt in der Attitude. Während Trap sich mit dem Ende Narkotika-Industrie auseinandersetzt, beschäftigt sich Drill mit den Themen Waffengewalt und Bandenkriegen.
Bestes Hörbeispiel: Chief Keef – I Don’t Like ft. Lil Reese

Emo Rap

Obwohl das frühe HipHop-Material oft als machohaft oder aggressiv abgestempelt wurde, gibt es auch eine Tradition, die seit LL Cool Js "I Need Love" auch die sensible Seite dieser Kunst in den Fokus rückt. Doch trifft das "Emo Rap" noch nicht ganz. Im Jahr 2008 sorgte der massive Erfolg von Kanyes "808s & Heartbreak" für einen nachhaltigen kulturellen Einschlag. Es folgten die verletzlichen Verführungen von Drake und der traurige Hedonismus von Future, die den melancholischen Spirit im Rap weiter manifestierten. In den letzten Jahren haben dann auch die berühmtesten Künstler wie Lil Peep, XXXTentacion, Juice WRLD und Lil Uzi Vert musikalische und lyrische Elemente von Emo Rock in ihren Werken verarbeitet.
Bestes Hörbeispiel: Lil Peep – Awful Things ft. Lil Tracy

Frat Rap

Frat Rap ist sorgenloser (und damit einhergehend: gedankenloser) Rap, der den Party-Lifestyle zelebriert. Dass sich die meisten Pioniere bei der ersten Gelegenheit davon distanzierten, sagt schon so einiges über dieses Genre aus. Asher Roth, dessen Track "I Love College" das Ganze 2009 losgetreten hat, hat danach nie wieder ein ähnliches Werk vorgelegt. Mac Miller hat die frühen Phasen seiner Karriere damit zugebracht, Frat Rap zu definieren und die restliche Zeit damit, dieses Genre wieder einzureißen. Andere Künstler wie Hoodie Allen und Sammy Adams müssen erst noch weiterdenken, um dem Genre zu entkommen. Generell gilt Frat Rap nicht als langfristiger Plan, sondern eher als kurze Phase auf dem Weg seiner künstlerischen Entfaltung.
Bestes Hörbeispiel: Huey Mack - Call Me Maybe (Remix)

Gangsta Rap

Im Mittelpunkt steht hier Rap-Musik, die entweder von oder über Gangster und diejenigen, die davon betroffen sind, gemacht wird. Die Frage darüber, ob das Ganze ein ehrliches Abbild des Straßenlebens ist oder hier doch nur die moralisch verwerflichen Lebensentscheidungen glorifiziert werden, hat nur wenig damit zu tun, dass dieser Stil zu den erfolgreichsten und damit zu den einflussreichsten HipHop-Genres gehört.
Schon das erste HipHop Album "PSK" von Schoolly D im Jahr 1986 hat explizit auf das Gang-Leben hingewiesen, doch erreichte die Gangsta-Rap Bewegung erst zwei Jahre später mit NWAs "F**k The Police" globale Aufmerksamkeit. Ab dem Zeitpunkt, als der NWA-Abkömmling Dr Dre sein Solo-Album "The Chronic" im Jahr 1992 veröffentlichte, etablierte der Gangsta-Style seine Dominanz, die auch nicht abriss, als Kanyes drittes Album "Graduation" sich in einem gehypten Showdown 2007 öfters verkaufte als 50 Cents "Curtis". Künstler wie Snoop Dogg, Tupac, Nas, Raekwon, Jay-Z, Scarface, The Notorious B.I.G. und tausende andere Rapper bewiesen, dass man das moderne Amerika ohne die Gangster-Mentalität schlichtweg nicht vollends verstehen kann.
Bestes Hörbeispiel: Dr Dre & Snoop Dogg – Deep Cover
"Boy In Da Corner": Dizzee Rascal
"Boy In Da Corner": Dizzee Rascal

Grime

Grime ist eine Form von elektronischer, meist aggressiver und von Uptempo-Beat getriebener Musik, die im 21. Jahrhundert im Osten Londons das Licht der Welt erblickte. Von Anfang an stand die Frage im Mittelpunkt, ob sich dieses Genre als HipHop qualifiziert oder eben nicht - bis heute wird das kontrovers diskutiert. Aufgrund der britischen Garage-Wurzeln der Szene meinen viele, Grime sei etwas gänzlich anderes.
In der Zeit, als Grime auftauchte, verstand man unter dem Begriff "HipHop" den Mainstream-Rap oder den Backpacker-Stil, doch wollte keine Szene etwas mit dem britischen Genre zu tun haben. Dennoch, es gibt einige Anzeichen, dass Grime eine Form des HipHop ist: Wir haben es hier mit einer Rap-getriebenen Straßenmusik zu tun, die von jungen, schwarzen Musikern etabliert wurde. Der Fokus liegt auf lyrischen Battles und die essenziellen Einflüsse liegen ganz klar in der amerikanischen Rap-Musik. Bis heute bleibt Grime eine einzigartige Variante in der Entwicklung des modernen HipHop.
Bestes Hörbeispiel: Dizzee Rascal – I Luv U

Horrorcore

Dieses Subgenre wagt sich in dunklere Gefilde des Gangsta-Raps, indem sie dem Thema einen absurden oder übernatürlichen Twist verpassen. Bushwick Bill - ein Mitglied von Geto Boys - zeigt das mit seinem Solo "Phantom Of The Rapra" und dem damit einhergehenden überladenen, theatralischen Horror eindrucksvoll auf, genauso wie das an Gothic angelegen Frühwerk von Three 6 Mafia. Manchmal driftet das Ganze ins Lächerliche ab; The Insane Clown Posse sind hier etwa ganz besonders herauszustreichen. Einige Horrorcore-Künstler haben aber nachhaltig prägende Werke vorgelegt, allen voran Gravediggaz.
Bestes Hörbeispiel: Gravediggaz – Burn Baby Burn

Hyphy

Sprudelnde Electronic-Music gepaart mit surrealem Humor und grenzenlosen Spaß - das ist Hyphy, ein Genre, das in den späten 90er-Jahren in der Bay Area in Kalifornien geboren wurde und als Soundtrack von sogenannten "Sideshow"-Partys galt, bei denen auf rollenden Autos ausgiebig getanzt wurde.
Die Bezeichnung ist die Kurzform von "Hyperactive" und wurde von Keak Da Sneak 1994 eingeführt, auch wenn das Genre musikalisch erst mit Thizzelle Washington und seinen 10 Alben zwischen 1997 und 2004 geformt wurde. 2006 erlebte Hyphy seinen globalen Durchbruch mit Hits von E-40, The Federation, Too $hort, Mistah F.A.B. und anderen, bis das Genre dann wieder langsam verschwand. Doch in den Produktionen von DJ Mustard und der neuen Bay Area-Generation (etwa Kamaiyah und SOB X RBE) lebt der Spirit auch heute noch durchaus weiter.
Bestes Hörbeispiel: Mac Dre – Feeling Myself

Jazz Rap

Fast 30 Jahre lang war A Tribe Called Quest die Definition von Jazz Rap, allen voran Q-Tip mit "Excursions", auf dem er sich an seine Teenager-Jahre erinnert: "You could find the abstract listening to hip-hop, my pops always said it reminded him of bebop." Man weiß ganz genau, was Q-Tips Paps meinte, wenn man seinen Flow über eine alte Art Blakey-Scheibe zu hören bekommt.
Leider half es nicht, dass die Jazz Rapper genau in jener Zeit zu arbeiten begannen, als Jazz immer mehr als veraltet wahrgenommen wurde. Dennoch, von Anfang an machten Tribe und seine Mitrstreiter rund um De La Soul, Digable Planets und Guru von Gang Starr klar, dass HipHop und Jazz durchaus zu vereinen sind. Heute tritt eine neue Jazz-Generation mit erfrischender Energie hervor, weshalb die Zukunft Jazz Rap durchaus spannend aussieht.
Bestes Hörbeispiel: A Tribe Called Quest – Excursions

Latin Trap

Von Anfang an war HipHop ein globales Phänomen, weshalb die Grenzen, die weltweit gesprengt wurden, nicht mehr zu überblicken waren. Latin Trap ist das beste Beispiel. Die Künstler rappen hier in spanischer Sprache und mit den Crossover-Erfolgen von Bad Bunny, der unzählige Elemente angefangen bei Reggeaton über US Trap bis hin zu Pop vereint, überholte das Genre französischen Rap genauso, wie die deutschen Gangsta- und die chinesischen Rap-Auswüchse. Bad Bunny arbeitete mit 21 Savage und Nicki Minaj zusammen und er manifestierte sich im nordamerikanischen Mainstream mit seinen Kollaborationen mit Cardi B und Drake.
Bestes Hörbeispiel: Bad Bunny – Caro

Old School

In der alltäglichen Konversation verweist "old school" in der Regel auf etwas, das vor der Kindheit des jeweiligen Hörers berühmt war. Im HipHop beschreibt der Begriff alles, was in der Kindheit des Genres stattgefunden hat, von DJ Kool Herc bis hin zu den noch heute atemberaubenden Mixes und Scratching-Innovationen von Grandmaster Flash. Sugarhill Gang, Kurtis Blow, Treacherous Three und Afrika Bambaata schlagen alle in diese Kerbe.
Bestes Hörbeispiel: Kurtis Blow – The Breaks

Rap Rock

Wenn man es genau nimmt, war das erste Rap Rock-Album "Rapture" von Blondie, das 1980 die Charts stürmte. Im Mittelpunkt dieses Genres stehen aber Rapper wie Run DMC und Jay-Z, die Samples von Heavy-Rock-Gitarren oder von Rock-Bands wie Faith No More, Limp Bizkit und Linkin Park in ihren Werken neu interpretieren und verarbeiten. Die Beastie Boys und "Body Count" von Ice T haben HipHop und Rock erfolgreich zusammengebracht, doch erst in den letzten zehn Jahren entstanden die organischsten Hybriden, angefangen bei Death Grips über Show Me The Body bis hin zur phänomenalen Emo-Welle.
Bestes Hörbeispiel: Beastie Boys – No Sleep ’Til Brooklyn

Trap

Zwar war der Start ernüchternd, doch hat sich Trap in den letzten zehn Jahren immer mehr durchgesetzt, um nun HipHop ebenso wie die Pop-Musik zu dominieren. 2 Chainz, Migos, Selena Gomez, Ariana Granda - sie alle setzen auf den Trap-Sound.
Konzeptionell liegen die Wurzeln des Trap in Atlanta der 80er und 90er. Der Begriff bezeichnete im Slang ein Haus, in dem Drogen verkauft wurden und er tauchte zunächst auf Kilo Mafias Album "Keep On Rolling" aus dem Jahr 1991 auf. Es dauerte aber bis 2003, bis Trap sich als eigenständiger Rap-Stil etablierte. T.I. mit "Trap Muzik" und Gucci Mane mit "Trap House" legten die Grundfesten für die musikalische Entfaltung des Sounds; eine Synthese aus so gut wie jeder Southern Rap-Form, die es damals gab. Der radikale Aufstieg des modernen Trap begann dann aber erst mit Lex Lugers Arbeit an dem monumentalen Debüt-Album "Flockaveli" von Waka Flocka Flame im Jahr 2010.
Bestes Hörbeispiel: Waka Flocka Flame – Hard In The Paint

UK Drill

Als Konsequenz der radikalen Explosion von Chicago Drill bildete sich im Süden Londons im Jahr 2013 ein Cluster aus Künstlern rund um Stickz und Skribz (später bekannt als LD von 67), die dem amerikanischen Genre einen eigenen Stempel verpassten. Die Welle wurde in den folgenden Jahren immer Größer. Künstler wie 67, Skengdo & AM und Headie One erreichten ein massives Publikum, während die Medien aufgrund der Verbindungen mit gewalttätigen Verbrechen moralische Panik generierten. Die Polizei traf anschließend entsprechende Maßnahmen, während einige Künstler zensiert wurden.
Neben dem Sound aus Chicago ließ sich UK Drill auch von den frühen Tagen der britischen Straßen-Rap-Bewegung inspirieren, während der neue Sound immer wieder in neue Richtungen getrieben wird. Es wird interessant zu sehen, was uns in diesem Subgenre noch alles erwartet.
Bestes Hörbeispiel: 67 – Skengman